Die Fremde in mir – Leseprobe

 

 

Prolog – Die Mission

Liberté.

Ich hatte mir das Wort in Ornamentschrift auf den Nacken tätowieren lassen. In einem Fonts, der als Angel Tears bezeichnet wird und ursprünglich von Billy Argel entwickelt wurde, irgendeinem Typen im Internet, der an Schriftfonts herumbastelt. Wenn es stimmt, was der Tätowierer mir darüber erzählt hatte, während er seine Nadel nicht weit von meinem Ohr surren ließ. Wenn ich die Haare nach oben steckte, konnte jeder es sehen. ›Liberté‹, Freiheit. Das war der Begriff, unter dem meine Mission stand. Ich war entschlossen, meine Freiheit wieder zu erlangen. Dafür war ich zu allem bereit.

Es gibt Dinge im Leben, von denen kann man sich nur durch radikale Einschnitte befreien. Manchmal nur durch den eigenen Tod oder durch den Tod eines anderen. Es gibt Unkraut im Garten der Seele, das man mit all seinen Wurzeln ausreißen muss, damit man die Blüte der Freiheit erleben kann. Es gibt kein Vergessen. Die Dinge leben unter dem Modder von Verzweiflung und Unentschlossenheit weiter, mit dem man sie zu begraben versucht. Als wäre es der Humus, aus dem sie Tag für Tag ihre Nahrung saugen, bis sie stark genug sind, alles zu verschlingen.

Liberté. Dieses Tattoo würde mich immer daran erinnern, was ich mir geschworen hatte: Lass es nicht zu, dass er dir alles nimmt, dass er dir, nachdem er dir das Liebste genommen hat, auch noch deine Seele nimmt. Lass es nicht zu, dass er dich auslöscht. Lass nicht zu, dass das Gift, das er gesät hat, alles Leben in deinem Garten vernichtet, wie Agent Orange einst all die strahlenden Blüten und funkelnden Blätter des Dschungels in seinem Gifthauch verdorren ließ, bis alles Leben erloschen war und auf die tote Erde Vietnams fiel. Vergiss nie deine Mission. Aber vergiss dein Ego, solange du deiner Mission folgst. Denn das Ego ist ein Verräter, der sich in den Augen spiegelt. Mach dich frei von deinem Ego, damit niemand in deinen Augen lesen kann. Niemand.

»Welche Freiheit meinen Sie?«, fragte mich plötzlich ein Mann um die Fünfzig, Typ Geschäftsreisender aus der Medienbranche, der in der Reihe hinter mir im Flugzeug nach München saß. Und bevor ich antworten konnte, setzte er mit einem leicht spöttischen Unterton in der Stimme, den er anscheinend für flirttauglich hielt, hinzu: »Heißt das, dass Sie ihre Freiheit nicht aufgeben möchten oder, dass Sie wieder frei sein wollen?«

»Wenn Sie mir anbieten wollen, mir dabei zu helfen, dann sag ich schon mal, Nein, danke!«, konterte ich. Eine derart dämliche Anmache nervte mich gewaltig. Das war typisch deutsch. Noch bevor der Flieger abgehoben hatte, war ich wieder daheim. Verzweifelt blickte ich aus dem Fenster und versuchte noch einen Blick auf Rio de Janeiro zu erhaschen. Aber es gelang mir nicht. Im Flugzeug auf dem Rollfeld gehört einem die Stadt schon nicht mehr, die man verlässt.

»Tut mir leid, wenn ich zu indiskret war, das wollte ich nicht. Geht mich ja auch wirklich nichts an. Mein Name ist übrigens Stefan Berger, wenn ich mich vorstellen darf.« Der Typ ließ nicht locker.

»Sandra Rösner«, brummte ich abweisend, »und ich wäre Ihnen dankbar, wenn wir es dabei bewenden lassen könnten. Ich möchte mich nicht unterhalten.« Damit beendete ich die Konversation und griff zu dem Buch, das ich mir für den Flug besorgt hatte. Die Abfuhr war ein Volltreffer. Ich konnte noch ein paar Minuten lang spüren, wie »Stefan« hinter mir schlucken musste, um sie zu verdauen. Aber er ließ mich für den Rest des Flugs in Ruhe.

Sandra Rösner. Der neue Name, der in dem druckfrischen Reisepass in meiner Handtasche eingetragen war, hörte sich noch fremd für mich an. Ich dachte immer noch als Lea Jenner. So hatte ich in meinem früheren Leben geheißen, Lea Jenner, geborene Weber. Und so fühlte ich immer noch. Der Pass war ausgezeichnete Arbeit. Er war das kleine Vermögen wert, das ich dafür ausgegeben hatte. Aber jetzt kam es darauf an, dass ich Lea Jenner für immer zurückließ und zu Sandra Rösner wurde. Als das Flugzeug abhob und Höhe gewann, stellte ich mir vor, dass Lea zurückblieb, sich auflöste wie Dunst über dem Meer und ihre Partikel sich im Getriebe der Millionenstadt verloren, bis die Nachweisgrenze unterschritten war. Bei der Landung in München würde es keine Lea mehr geben. Nur noch Sandra würde von Bord gehen, problemlos die Passkontrolle passieren und in ein neues Leben abtauchen, bereit für ihre Mission.

* * *


Erster Teil

Kapitel 1

Der 21. Juni vor drei Jahren, der Tag vor meinem Geburtstag, ist einer der Tage in meinem Leben, die ich nie vergessen werde. An diesem Tag saß ich zusammen mit Christian, dem Mann meiner Träume, den ich drei Wochen zuvor in einer Spontanaktion während eines Aufenthalts in New York geheiratet hatte, in einem Notariatsbüro in der Münchner Maximiliansstraße und erlebte den Höhepunkt meiner ganz persönlichen ›Pretty Woman Geschichte‹. An diesem Tag unterzeichneten wir den Kaufvertrag für das Haus, das wir uns als Heim für unser gemeinsames, zukünftiges Leben ausgesucht hatten. Wobei »Haus« nicht ganz der richtige Ausdruck ist für eine wunderschöne, alte Villa am Ammersee in einer der begehrtesten Gegenden im Südwesten von München.

In Christian hatte ich völlig unerwartet meinen sprichwörtlichen Märchenprinzen gefunden. Er war genau der Typ Mann, den ich mir immer als idealen Lebenspartner vorgestellt hatte. Seine Haare waren dunkel mit einem leichten, bläulichen Glanz. Mit seinen 1.90 Metern Körpergröße und seinen breiten Schultern stach er sofort auch aus einer größeren Menschenmenge heraus. Und an seinem Body hätte man in jedem Anatomiekurs das Zusammenspiel der Muskeln erläutern können.

Mit dieser perfekten Figur und seinem einzigartigen Lächeln schaffte es Christian in rekordverdächtiger Zeit, mich zu erobern. Und das will etwas heißen, denn ich gehörte nicht zu denen, die leicht zu haben sind. Bis zu meiner ersten Begegnung mit Christian war ich von einem extremen Freiheitsdrang beseelt. Ich dachte nicht im Traum daran, mich auf eine feste Bindung einzulassen und reagierte mit einem Gefühl von Abscheu, wenn Freundinnen mir von ihren festen Lovern erzählten und von einer bevorstehenden Hochzeit träumten. Oh Gott, bitte nicht, dachte ich und achtete in der Regel auf eine sichere Distanz zu allen Männern, die mir vielleicht hätten gefährlich werden können. Meine Unabhängigkeit war für mich wichtiger als gemeinsame Kuschelabende auf dem Wohnzimmersofa. Mein Wohnzimmer waren die Berge, meine Leidenschaft gehörte dem Klettern und dem Skifahren. Wenn andere Ende August noch am Badesee lagen, begann für mich bereits die Skisaison auf den Gletschern des Ötztals. Mit Top Speed die Pisten hinunter zu jagen war für mich ein Ausdruck unendlicher Freiheit. Ich nutzte jede Gelegenheit, dem Alltag zu entfliehen. Am meisten genoss ich es, wenn über dem Flachland eine tief hängende Nebelwand lastete, während oben auf den Bergen strahlender Sonnenschein herrschte. Dann setzte ich mich oft noch vor Morgengrauen ins Auto, um so früh wie möglich, pünktlich zur Eröffnung der ersten Lifte, in den Bergen zu sein. Das war meine Welt. An einem Tag, an dem Normalsterbliche im Grau unten arbeiten mussten, zusammen mit nur wenigen Auserwählten diese einzigartigen Stunden über dem Nebelmeer zu genießen. Dabei blieb es natürlich nicht aus, dass ich gelegentlich auch ein paar Worte mit dem einen oder anderen Exemplar der zweiten Hälfte der Menschheit wechselte. Schließlich ist der Skizirkus für die allermeisten Skifahrer eine einzige Anbandelwiese und das Après-Ski wichtiger als das Erlebnis auf der Piste. Für mich war das Abenteuer in der Regel mit Sonnenuntergang zu Ende. Dann verschwand ich ohne mich lange zu verabschieden, setzte mich in mein Auto und fuhr nach Hause zurück. Mein Freiheitsdrang war um ein Vielfaches stärker, als meine Sehnsucht nach Bindung oder nach der großen Liebe.

Das alles änderte sich, als Christian in mein Leben trat. Und das lag nicht nur an seinem phänomenalen Aussehen. Christian war auch ein ausgezeichneter Gesprächspartner. Zeit mit ihm zu verbringen, machte mich glücklich. Wir konnten uns stundenlangen bei einem Abendessen unterhalten oder am See bei einem Glas Wein und Kerzenlicht den Tag ausklingen lassen. Konnte ich es früher nicht aushalten, zusammen mit einem Mann in einem Zimmer, geschweige denn in einem Bett zu schlafen, gelang mir das mit Christian ohne Probleme. Ich fing sogar an, seine Anwesenheit in meinem Bett zu genießen. Hinzu kam, dass Christian ein ausgezeichneter Koch war und, dass er gerne kochte. Er genoss es, mich mindestens einmal pro Woche mit einem selbst gekochten Essen zu verwöhnen. Diese Abende gehören für mich zum Unvergesslichsten, was ich je zusammen mit einem Mann erlebt habe. Und was zu alledem noch als das absolute Sahnehäubchen hinzukam, Christian war ein sehr erfolgreicher Produzent im Münchner Filmbusiness. Geld spielte für ihn praktisch keine Rolle. Er verdiente – soweit mir die Zahlen bekannt waren – an die 250.000 € pro Monat. Hinzu kamen einige Immobilien, die er von seinen Eltern geerbt hatte. In besten Innenstadtlagen gelegen, stellten sie einen Wert von mehreren Millionen Euro dar und brachten Mieteinnahmen, die allein für die Finanzierung eines mehr als auskömmlichen Lebens ausgereicht hätten.

Wir kannten uns noch keine drei Monate, als wir begannen, nach einem Haus für uns zu suchen. Mithilfe eines Maklers fanden wir schließlich eine alte Villa mit riesigem Grundstück in einem kleinen Dorf am Ammersee. Zum Anwesen gehörte auch ein Uferstreifen mit eigenem Bootssteg, der über einen schmalen, romantischen Fußweg in wenigen Minuten erreichbar war. Das Haus war nach dem Tod der Besitzerin lange unbewohnt geblieben und seit Jahrzehnten nicht renoviert worden. Aufgrund von erst vor Kurzem geklärten Erbstreitigkeiten war es bei unserm ersten Rundgang mit dem Makler noch komplett möbliert. In den Schränken hingen noch die Kleider der Verstorbenen, und im Kühlschrank stapelten sich Tetra-Paks mit längst abgelaufener H-Milch. Alles machte den Anschein, als wäre das Haus erst vor wenigen Stunden von seiner Bewohnerin verlassen worden. Ich kam mir vor wie auf einem Gang durch ein Museum und fühlte mich fast wie ein Eindringling, der heimlich in einem fremden Leben herumschnüffelt. Trotzdem war ich sofort fasziniert von der einzigartigen Atmosphäre des alten Hauses, vom Geruch der alten Möbel und vom Knarren der Holzböden. Besonders ein Zimmer direkt unter dem Dach, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf den See hatte, bezauberte mich. Ich hätte es am liebsten in seinem aktuellen Zustand ohne jede Veränderung übernommen.

Obwohl Christian meine Begeisterung für die alten Möbel nicht teilen konnte und während der Besichtigung schon die ersten Überlegungen für den Umbau und die Renovierung des Hauses anstellte, schlug er mir zuliebe vor, den oberen Stock samt der Möbel zu übernehmen, und weitgehend in seinem Originalzustand zu belassen. Mit keinem anderen Vorschlag hätte er mich glücklicher machen können. Denn am liebsten wäre ich auf der Stelle hier geblieben, so wohl fühlte ich mich in den großzügigen, alten Räumen.

In den nächsten Monaten hatten wir vor, das Haus ganz in unserem Sinne zu modernisieren und einzurichten. Wir verbrachten ganze Tage damit, uns Gedanken über den zukünftigen Grundriss des Hauses zu machen, suchten Möbel und Objekte für die Inneneinrichtung aus, und schmiedeten Pläne für die Umgestaltung des Grundstücks. Immer wieder fuhren wir an den Ammersee hinaus, übernachteten im Haus, erkundeten das Dorf, in dem wir in Zukunft leben würden, und unternahmen Ausflüge in die Umgebung. Während wir in Gedanken an unsere Zukunft schwelgend durch die Gegend streiften oder unter der wunderschönen alten Linde am Dorfplatz saßen und die Füße im kühlen Wasser des Mühlbachs baumeln ließen, ahnten wir nicht, dass unser Idyll bald die ersten, tiefen Kratzer bekommen sollte.

* * * 

 Kapitel 2

Gleich am Tag nach der Unterzeichnung des Kaufvertrags hatten wir das Zimmer unter dem Dach mit dem Lebensnotwendigsten ausgestattet und das Badezimmer und die Küche im Erdgeschoß soweit eingerichtet, dass wir im Haus übernachten und kochen konnten. Besonders wenn wir im Dorf an Feierlichkeiten oder Veranstaltungen teilnahmen, machten wir von dieser Möglichkeit Gebrauch und blieben über Nacht.

Die Dorfgemeinschaft hatte uns so freundlich aufgenommen, dass wir uns in unserem neuen Umfeld pudelwohl fühlten. Von allen Seiten hatten wir eine Hilfsbereitschaft erfahren, die wir vom Leben in der Stadt nicht kannten. Deshalb nahmen wir im August auch am jährlichen Dorffest teil und übernachteten danach im Haus.

Am nächsten Morgen, nach einem ausgiebigen Frühstück, verabschiedete Christian von mir, um nach München ins Büro zu fahren. Ich wollte den Tag noch im Haus verbringen und hatte es mir gerade mit einem Einrichtungsmagazin auf dem Sofa bequem gemacht, als er plötzlich wieder in der Tür stand und meinte: »Komm doch bitte mal runter. Das musst du dir unbedingt ansehen. Ich kann’s nicht fassen, was da passiert ist. Ich hab zwei platte Reifen, zwei platte Reifen, unfassbar, auf einer Seite! Das gibt’s doch nicht. Das musst du dir anschauen.«

Ich schlüpfte schnell in meine Schuhe, warf mir eine Jacke über und folgte Christian zu dem kleinen Parkplatz vor unserem Haus. Das frisch restaurierte, blaugrüne 1962er DB 4 Aston Martin Cabriolet zeigte eine extreme Schieflage. Die Reifen auf der Fahrerseite waren platt bis auf die Felge.

»Vielleicht bist du in einen Nagel gefahren«, sinnierte ich geistesabwesend vor mich hin, während mir langsam die Tragweite des Vorfalls bewusst wurde. »Vielleicht bist du in einen Nagel gefahren oder in ein paar Scherben«, wiederholte ich tonlos in einem hilflosen Versuch, Christian zu beschwichtigen.

»Nein, ausgeschlossen«, entgegnete er, »das gibt’s nicht, zwei Platten auf einer Seite gleichzeitig, das kann nicht sein.« Er suchte hektisch den Boden um das Fahrzeug herum ab und sah sich dann die Reifen Stück für Stück genauer an.

»Hier, das sieht eindeutig nach Sabotage aus. Da hat jemand mit einem Schraubenzieher oder mit einem Messer den Reifen zerstochen. Hier, direkt unter der Größenangabe.« Christian deutete auf eine Stelle am Vorderreifen und nahm dann den Hinterreifen in Augenschein. »Und hier, an dem Reifen, die gleiche Stelle. Genau der gleiche Stich, an fast der gleichen Stelle. Das ist kein Zufall. Das war Absicht!«

Christian fiel für ein paar Sekunden in eine Art Schockstarre. Bewegungslos stand er da und schwieg. Als ich ihn so vor mir stehen sah, wurde mir mit einem Mal klar, dass das Leben für uns hier zu Ende war, bevor es richtig begonnen hatte.

»Wer hasst uns hier so?«, begann Christian zu grübeln. »Jemand im Dorf muss uns extrem hassen. Aber aus welchem Grund? Wenn man uns hier so hasst, macht es keinen Sinn, hier zu leben. Ich kann hier nicht leben, wenn man uns so hasst.«

»Vielleicht gibt es eine ganz einfache, harmlose Erklärung dafür«, versuchte ich ihn zu beruhigen.

»Was für eine harmlose Erklärung? Das ist eindeutig ein Anschlag auf uns. Irgendjemand im Dorf ist extrem sauer darüber, dass wir hier wohnen wollen.«

»Aber warum, dafür gibt es doch nicht den geringsten Grund?«

»Vielleicht mögen die Leute hier keine Schickimickis aus München oder Leute, die sie dafür halten? Sie hassen uns vielleicht einfach, weil wir Geld haben und weil wir hierher gezogen sind. Es nervt sie vielleicht, dass wir dieses alte Haus gekauft haben und renovieren? Wer weiß, vielleicht gibt’s Leute im Dorf, denen das nicht recht ist? Ich kann auf alle Fälle hier nicht bleiben. Wenn die Leute uns hier so feindlich gegenüberstehen, macht es absolut keinen Sinn, hier zu bleiben, absolut keinen Sinn.«

Die Art, wie Christian das sagte, schnürte mir die Kehle zu. Ich spürte, wie seine Betroffenheit all die Euphorie erstickte, mit der er bisher an unsere gemeinsame Zukunft geglaubt hatte. Unser Glück schien sich aufzulösen. Mir war, als könnte ich den bitteren Bodensatz, der zurückblieb, bereits auf der Zunge schmecken.

»Lass uns mit meinem Auto in die Stadt fahren. Ich bring dich ins Büro, und dann besorg ich einen zweiten Ersatzreifen. Dann haben wir das Baby heute Mittag wieder auf den Beinen«, übernahm ich die Regie, um uns aus dem Tief zu holen.

* * *

Kapitel 3

In den darauf folgenden Tagen gab es für uns nur ein Thema: Wer hatte die Reifen an Christians Cabriolet zerstochen? Wer in diesem idyllischen Dorf hasste uns so sehr, dass er sich nachts an unser Haus heranschlich, um einen derartigen Anschlag durchzuführen? Oder waren wir im Umfeld des Dorffests zufälliges Opfer eines deftigen, aber im Grund harmlosen Jugendstreichs geworden, der sich durch Übermut und Alkoholeinfluss erklären ließ?

Von den Dorfbewohnern konnte sich keiner den Vorfall erklären. Etwas Vergleichbares, beteuerte jeder, den wir fragten, wäre noch nie zuvor geschehen. Und Leute, die aus München an den See zogen, gebe es Tausende. Niemand im Dorf hätte etwas dagegen. Wie auch, die Münchner hätten schließlich Wohlstand und Geld ins Dorf gebracht. Sie gehörten mittlerweile dazu. Ob das der Kinobetreiber sei, der dem Dorf ein Programmkino beschert hatte, oder der Galerist, der in seiner Galerie am See erfolgreich Künstler und Kunsthandwerker aus dem Umland präsentiere. Hier wäre die Erklärung für den Anschlag mit Sicherheit nicht zu finden.

Trotz all dieser Beteuerungen wurden wir das Gefühl nicht los, dass es doch etwas gab, über das die Leute nicht mit uns reden wollten. Deshalb suchten wir den Dorfgasthof auf, um uns bei einem Bier mit dessen Besitzer zu unterhalten. Von ihm hatten wir das Haus gekauft. Und wenn der Anschlag irgendetwas mit dem Haus zu tun haben sollte, dann war er unserer Meinung nach verpflichtet, uns das mitzuteilen. Es war ein hartes Stück Arbeit. Erst als ihm klar wurde, dass wir entschlossen waren, nicht locker zu lassen, rückte er mit der Wahrheit heraus. Er hatte die Villa eineinhalb Jahre vor dem Verkauf an uns von ihrer Eigentümerin geerbt, einer alten Dame, die bis zu ihrem Tod überwiegend allein dort gelebt hatte. In den letzten Jahren vor ihrem Ableben hatte er sich regelmäßig um sie gekümmert, hatte ihr im Haus geholfen und die Steuererklärungen für sie erledigt. Und als sie das Haus kaum noch verlassen konnte, hatte er auch die meisten Einkäufe und Behördengänge übernommen. Aus Dankbarkeit für seine Hilfe hatte ihn die alte Dame zu seiner eigenen und zur Überraschung aller im Dorf als Erben für das Haus eingesetzt. Durch diese testamentarische Verfügung war der Cousin der alten Dame, Robert Eichberger, der fest mit dem Erbe gerechnet hatte, zum größten Teil leer ausgegangen. Aus Wut darüber hatte er sich tagelang betrunken und ihn bei jeder Gelegenheit öffentlich als Erbschleicher beschimpft. An einem Sonntagmorgen war es schließlich zum unvermeidlichen Eklat gekommen. Eichberger hatte in der Nacht mit rotem Lackspray und in riesigen Lettern die Worte »Willkommen beim Erbschleicher« an die weiße Wand gleich neben dem Wirtshauseingang gesprüht. Damit war das Maß voll. Um ein Haar wäre es damals auf dem Weg zur Kirche zu einem Faustkampf zwischen Eichberger und ihm gekommen. Aber seitdem hätten sich die Wogen wieder geglättet. Eichberger und er hätten sich längst wieder versöhnt. Und sie hätten sich auch auf eine finanzielle Regelung des Ganzen geeinigt, mit der Eichberger offensichtlich zufrieden war. Das zeige sich am deutlichsten daran, dass er nach wie vor sein Bier bei ihm an der Theke trinke.

Die Erklärungen des Wirts wirkten überzeugend. Aber für uns kam Eichberger trotz Versöhnung und finanzieller Abfindung als Täter infrage. Der Verkauf des Hauses, der dem Dorfwirt eine Menge Geld eingebracht hatte, hatte mit Sicherheit die alten Wunden wieder aufgerissen. Und es lag nahe, dass sich einer wie Eichberger in seinem Zorn zu einem derart unbedachten Anschlag hinreißen ließ. Diese Vermutung wurde zudem durch einen Vorfall bestärkt, dem ich bisher keine weitere Bedeutung beigemessen hatte, an den ich mich jetzt aber wieder deutlich erinnerte. Am Vormittag nach dem Notartermin war ich allein an den See hinausgefahren, um ein paar Bad- und Küchenutensilien ins Haus zu bringen. Dabei hatte ich mein Auto in der Nähe der Dorfgaststätte geparkt, weil ich zu Fuß durchs Dorf zu unserem Haus spazieren wollte. Als ich ausstieg, hatte mich Eichberger, der für mich damals noch ein Unbekannter war, voller Zorn angeschnauzt, ich sollte gefälligst weiter von der Einfahrt weg parken, dass auch andere Leute hier noch rein- und rausfahren könnten. Ich hatte mich damals über diesen völlig unangemessenen Wutausbruch gewundert, hatte das Ganze aber schließlich als aggressive Unhöflichkeit abgetan und dem Vorfall keine weitere Bedeutung beigemessen. Aber jetzt erschien der Vorfall in einem ganz anderen Licht. Jetzt konnte ich mir den Zorn Robert Eichbergers erklären. Wahrscheinlich hatte er damals gerade erfahren, dass der Wirt uns das Haus verkauft hatte. Und wahrscheinlich war ihm auch zu Ohren gekommen, wie viel Geld der Verkauf dem Wirt eingebracht hatte.

Damit war der Fall für uns klar. Wir waren beide überzeugt, dass Robert Eichberger seine Finger bei dem Anschlag im Spiel hatte. So problematisch das auch war, hatte es doch auch eine gute Seite. Es gab Hoffnung, dass es uns mit der Zeit gelingen würde, das schlechte Karma aufzulösen, das durch diese Erbstreitigkeiten über der Villa lag.

* * *

Kapitel 4

In den folgenden Tagen versuchten wir, das Erlebte zu vergessen. Aber die Leichtigkeit des Neubeginns, der Zauber, der über unserem Umzug und dieser neuen Phase unserer Beziehung gelegen hatte, kehrte nicht mehr zurück. Im Gegenteil, die Geschichte nahm ein paar Tage später eine dramatische Wendung, mit der niemand von uns gerechnet hatte, und die den Himmel über unserer Zukunft noch mehr verdüsterte.

Ich hatte den Wagen von Christian zu einer Routineinspektion in eine Werkstatt in der Kreisstadt gebracht, die sich auf Sportwagen spezialisiert hatte. Gegen Mittag rief mich der Meister der Werkstatt unerwartet auf meinem Mobiltelefon an. Mit besorgt klingender Stimme bat er mich, so schnell wie möglich vorbeizukommen. Er müsse mir unbedingt etwas zeigen. Als ich am Nachmittag in der Werkstatt eintraf, führte mich der Meister unverzüglich zu Christians Wagen, der auf einer Hebebühne stand, und deutete auf zwei heftige Quetschspuren an den Bremsleitungen des Fahrzeugs, die ungefähr auf Höhe der Fahrertür deutlich zu erkennen waren.

»Schauen Sie sich das mal an«, meinte er und sah mich mit einem fragenden Blick an. »Für mich sieht das nach Sabotage aus. Anders kann ich mir das nicht erklären. Das kann weder durch einen Unfall, noch durch einen Bodenkontakt, noch durch sonst irgendetwas passiert sein.« Er fuhr mit dem Daumen über die scharfen Kanten, die im Bereich der Quetschung zu sehen waren. »Hier, das sind eindeutig die Spuren von einem Werkzeug. Eine Zange vielleicht oder ein Blechschneider, irgend so was. Oder können Sie sich das erklären?«

»Nein«, stammelte ich und spürte, wie sich alles in mir verkrampfte.

»Dann sollten Sie sich mal mit der Polizei in Verbindung zu setzen, denke ich. Ich hab schon ein paar Fotos von dem Schaden für Sie gemacht. Die zeigen Sie denen dort am besten mal. Und dann sollen die von der Polizei entscheiden, was mit dem Auto geschehen soll. Ob die das sicherstellen wollen oder ob wir das Fahrzeug reparieren sollen oder nicht.«

»Aber das kann doch nicht sein. Sie meinen, dass jemand versucht hat, die Bremsleitungen durchzutrennen?«, fragte ich fassungslos.

»Ja. Anders kann ich mir das nicht erklären. Der, der das gemacht hat, hat das nicht aus Versehen gemacht. Das war mit Sicherheit Absicht.«

»Und was wäre passiert, wenn mein Mann weiter damit gefahren wäre?«

»Vermutlich nichts. Die Leitungen sind ja noch dicht. Wer auch immer das gemacht hat, er hat es nicht geschafft, die Leitungen durchzutrennen. Gott sei Dank.«

»Und was wäre passiert, wenn er es geschafft hätte?«

»Dann hätten die Bremsen irgendwann versagt. Und das kann dann dumm ausgehen, je nach der Situation, in der es passiert.«

Ich war sprachlos. Eichberger hatte also nicht nur die Reifen zerstochen, er hatte auch versucht, die Bremsleitungen zu durchtrennen. Wie konnte das sein? Wie konnte uns jemand so hassen, der uns gar nicht kannte? War es wirklich möglich, dass Eichberger versucht hatte, Christian töten, obwohl die beiden noch nie ein Wort miteinander gewechselt hatten?

»Kommen Sie bitte mit ins Büro, dann gebe ich Ihnen die Fotos, die wir gemacht haben«, riss mich der Werkstattmeister aus meinen Gedanken. Wie in Trance folgte ich ihm und ließ mir den Umschlag mit den Bildern aushändigen, ohne es richtig wahrzunehmen.

Die nächsten Stunden vergingen wie in einem Fiebertraum. Ich fuhr am See entlang, lief ziellos durch einen Baumarkt und kaufte schließlich in dem kleinen Haushaltswarengeschäft im Ort ein paar Küchenutensilien, um die restliche Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken, zu dem ich mit Christian im Haus verabredet war. Ich kam mir vor wie ein Astronaut, der den Kontakt zu seiner Raumstation verloren hatte und mit seinem zur Neige gehenden Notvorrat an Sauerstoff durchs All trieb, vorbei an allerlei nutzlosen Trümmern von Weltraumschrott.

Ich konnte es kaum erwarten, mich mit Christian über die neue Dimension des Anschlags auszutauschen, die bei der Inspektion in der Werkstatt deutlich geworden war. Aber als er gegen 19:00 Uhr endlich aus München zurückkam, zeigte er wenig Interesse, sich damit zu beschäftigen. Nach einem kurzen Blick auf die Fotos, die die Werkstatt angefertigt hatte, machte er eine Flasche Rotwein auf und fing an, den Tisch für das Abendessen zu decken.

»Nimm es mir nicht übel, aber ich hab keine Lust mehr, mich damit zu beschäftigen. Egal, wer die Bremsleitungen manipuliert hat, und warum. Mir reicht diese durchgeknallte Hollywooddiva, die ich gerade jeden Tag davon abhalten muss, dass sie in den Flieger zurück nach LA steigt und damit den ganzen Film platzen lässt. Lass uns die Geschichte einfach vergessen. Morgen ist drehfrei. Da ruf ich in der Werkstatt an und sag denen, dass sie den Wagen einfach reparieren sollen. Und damit lassen wir es gut sein.«

»Aber, jemand hat versucht, dich umzubringen«, entgegnete ich fassungslos. »Er könnte es wieder versuchen. Wir müssen die Polizei einschalten. Der Anschlag hat nichts mit diesem Erbstreit zu tun. Das glaube ich einfach nicht mehr. Deswegen würde niemand versuchen, die Bremsleitungen zu sabotieren. Wenn überhaupt, dann würde der Eichberger eher den Wirt angreifen, nicht uns. Einen Reifenstecher nach zwei oder drei Maß Bier, das würde ich ihm zutrauen, aber niemals einen Anschlag auf die Bremsleitungen. Das passt nicht. Es muss jemanden geben, der uns extrem hasst. Und ich habe das Gefühl, dass es niemand aus dem Dorf ist. Ich hab mich inzwischen mit vielen Leuten hier unterhalten. Ein derartiger Anschlag ist hier noch nie vorgekommen. Das größte Verbrechen in den letzten zwanzig Jahren war hier der Diebstahl des Maibaums im Nachbardorf. Und das zweitgrößte war ein geklautes Motorrad, das die Polizei aber gleich am nächsten Tag auf einem Parkplatz im Wald wiedergefunden hat. Also genau genommen eher Jugendstreiche als wirkliche Verbrechen.«

»Und, was hilft uns das?«, warf Christian lakonisch ein, während er die Festigkeit der Spaghetti prüfte. »Es macht keinen Sinn zur Polizei zu gehen. Das ist nur Zeitverschwendung. Die können da eh nichts machen. Also lass uns einfach abwarten.«

Ich war erstaunt, dass Christian die Angelegenheit so einfach abhaken konnte. Für mich hatte die neue Dimension des Anschlags endgültig alle Träume von unserer gemeinsamen Zukunft am See zerstört. Und trotz Christians cooler Reaktion hatte ich irgendwie das Gefühl, dass es ihm im Innersten genauso ging. Der einzige Unterschied war, dass er es nicht wahrhaben wollte und deshalb versuchte, es so schnell wie möglich beiseitezuschieben. Aber ein Blick in seine Augen sagte mir, dass die neue Entwicklung auch für ihn alles verändert hatte. Obwohl ich heimlich im Bad ein Beruhigungsmittel nahm, konnte ich in der Nacht nicht zur Ruhe kommen, lag stundenlang wach, und versuchte eine Erklärung für die Geschehnisse zu finden, was mir am nächsten Morgen mehr durch Zufall oder Eingebung als durch logisches Nachdenken gelang.

* * *

Kapitel 5

Als wir am folgenden Morgen im Bett frühstückten, kamen wir trotz aller Vorsätze, das Thema zu vermeiden, wieder auf die mysteriösen Vorgänge um die zerstochenen Reifen zu sprechen. Ohne eine Erklärung, die unser Gehirn akzeptieren kann, laufen die Versuche zu verstehen auf den verschiedenen Ebenen des Bewusstseins in Endlosschleifen weiter, bis eine Lösung gefunden ist oder die daran beteiligten Zellen ausgebrannt sind. Wie in einem verlassenen Rechenzentrum hatten die Prozessoren in meinem Hirn die ganze Nacht über auf Hochtouren gearbeitet, Datensatz um Datensatz verglichen und schließlich ein Ergebnis ausgeworfen, das genau in dem Moment, in dem ich die Alufolie von meiner Kirschmarmelade abzog, auf dem Bildschirm in meinem Kopf auftauchte. »Ich wollte manchmal, man könnte im Leben Dinge einfach wieder rückgängig machen. Das habe ich schon oft in meinem Leben gedacht. Was meinst du denn dazu? Geht es dir auch so?«, stand da in hell leuchtenden Buchstaben in die Bildschirmmaske eingebrannt.

»Einen Moment mal, ich muss kurz mal was schauen«, unterbrach ich unsere Unterhaltung, sprang aus dem Bett, holte mein Handy aus meiner Jacke, die auf einem Stuhl am Fußende des Betts hing, und scrollte wie wild durch den SMS-Eingangsordner, bis ich die SMS mit dem entsprechenden Wortlaut gefunden hatte. Mein Kletterpartner Harald hatte sie mir am Tag nach dem Anschlag geschickt. Damals hatte ich ihr keine Bedeutung beigemessen, aber jetzt erschien sie mir in einem ganz neuen Licht. Gebannt las ich noch einmal alle Kurzmitteilungen durch, die mir Harald in den letzten Wochen und Monaten geschickt hatte. Mit einem Mal bekamen die Texte eine ganz neue Bedeutung. Und dazu passten auch die Gespräche, die ich mit Harald in letzter Zeit beim Klettern geführt hatte. All seine Fragen und Aussagen fügten sich plötzlich zu einem Bild zusammen, in dem ein nie ausgesprochener Untertext sichtbar wurde, der mich in Angst versetzte. Wenn ich den Text der SMS, die vor meinem inneren Auge erschienen war, Wort für Wort überdachte, gab es für mich keinen Zweifel mehr. Hinter dem Anschlag auf Christians Auto konnte nur einer stecken: Harald.

Der Tonfall der SMS war so kryptisch, dass mir beim ersten Lesen einfach entgangen war, wie wichtig sie für Harald gewesen war. Aber jetzt war mir klar, was er damit gemeint hatte. Diese SMS war praktisch ein Geständnis. Harald hatte die Reifen zerstochen und die Bremsleitungen manipuliert. Er hatte versucht, Christian umzubringen. Und weil er seine Tat danach irgendwie bereut hatte, hatte er mir diese SMS geschrieben.

Ich konnte es nicht fassen. Hatte ich mich so in Harald getäuscht? Mit ihm hatte ich viele Klettertouren unternommen. Wir waren seit Jahren enge Freunde. Hätte mich irgendjemand nach meinem besten Freund oder nach meinen besten Freunden gefragt, hätte ich Harald wahrscheinlich als einen der Ersten genannt. Wir hatten oft stundenlang miteinander geredet und hatten uns Dinge erzählt, die man nur ganz wenigen anderen Menschen mitteilt. Mit Harald hatte ich über alles gesprochen, was mir wichtig war. Ich hatte ihm mein Innerstes anvertraut, meine Angst, meine Freude, meine Hoffnungen. Er hatte mir immer das Gefühl gegeben, dass er absolut verlässlich sei, dass er als Freund immer für mich da sein würde. Und ich hatte ihm geglaubt, ich hatte geglaubt, dass wir echte Freunde sind, dass wir Seilpartner sind, die einander blind vertrauen können – und jetzt dieser ungeheuerliche Missbrauch meines Vertrauens, meiner Freundschaft.

»Was ist? Ist irgendwas passiert?«, holte mich Christian aus meinen Gedanken zurück.

»Ich glaube, ich weiß jetzt, wer die Reifen zerstochen hat«, antwortete ich und reichte das Smartphone an Christian weiter. »Hier, diese SMS hab ich am Tag nach dem Anschlag bekommen. Ich konnte damals nichts damit anfangen. Harald hat mir öfter ein bisschen merkwürdige SMS geschickt. Aber jetzt bin ich sicher, dass er das geschrieben hat, weil er es war, der die Bremsleitungen manipuliert hat.«

»Kann sein, kann aber auch ein Zufall sein. Außerdem, warum sollte er so etwas tun? Ruf am besten an und frag ihn.«

Typisch Mann, dachte ich. Analyse und noch mal Analyse, aber bitte bloß keine Intuition, bloß keine Emotionen. Aber andererseits hatte Christian recht, der einfachste Weg, herauszufinden, ob Harald wirklich dahintersteckte, war, ihn zu fragen. Ich tippte eine SMS an Harald ins Telefon: »Hast du was gemacht?« Keine zwei Minuten später kam seine Antwort: »Reifen zerstochen?«

Diese prompte Bestätigung meines Verdachts schnürte mir die Kehle zusammen. Mein Verdacht war also richtig. Harald steckte hinter dem Anschlag. Er hatte versucht, Christian umzubringen. Und das Ganze schien ihm auch noch eine Art perversen Spaß zu machen. Hinter seiner knappen Antwort »Reifen zerstochen?« glaubte ich einen Ansatz von höhnischem Gelächter zu hören. Mit zittrigen Händen wählte ich seine Nummer. Es dauerte keine zwei Sekunden, bis er das Gespräch annahm. Er hatte anscheinend auf den Anruf gewartet.

»Hallo Lea, freut mich, dass du dich meldest«, sagte er mit seiner wie immer betont sanft klingenden Stimme, als wäre nichts Besonderes passiert.

»Hast du versucht, die Bremsleitungen an dem Cabrio zu manipulieren?«, fragte ich, bemüht, die Fassung zu behalten.

»Ja. Ich war so verletzt. Du hast damals unsere Verabredung zum Klettern wegen Fieber abgesagt. Ich hab geglaubt, du liegst krank zu Hause. Deshalb bin ich bei dir vorbeigefahren, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Und da hab ich gesehen, wie du mit einem Mann in dieses Auto gestiegen bist. Und dann bin ich euch nachgefahren und hab gesehen, wie ihr in dem Haus verschwunden seid. Und dann hab ich durchgedreht. Ich hab so viel für dich getan, und du hast mich belogen. Da hab ich in einem Wutanfall die Bremsleitungen mit einer Zange bearbeitet. Aber dann hab ich das bereut, und deshalb hab ich die Reifen zerstochen, damit nichts passieren kann, damit niemand mit dem Auto fahren kann.«

»Sag mal, bist du krank, oder was?«, herrschte ich ihn an. »Was soll das Harald? Ich bin dir doch keine Rechenschaft schuldig, mit wem ich unterwegs bin oder mit wem ich zusammen bin. Ich hab dir immer gesagt, dass unsere Beziehung rein freundschaftlich ist, dass ich kein erotisches Interesse hab. Und du hast gesagt, dass das bei dir genauso ist. Darauf hab ich mich verlassen, das hab ich dir geglaubt. Und dann versuchst du, meinen Freund umzubringen. Du spinnst ja! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin unheimlich enttäuscht, und traurig. Ich hab geglaubt, wir sind Freunde.«

»Ich möchte das gerne wieder gut machen. Glaub mir, ich bin verzweifelt und kann gar nicht begreifen, dass ich so etwas gemacht hab. Die letzten Tage hab ich nur noch daran gedacht, in die Berge zu gehen und irgendwo runterzuspringen. Sag mir, was ich tun kann. Ich bezahl natürlich die Reparatur. Ich tu alles, was du verlangst, aber bitte verzeih mir.«

Harald klang aufrichtig verzweifelt. Ich wusste nicht, wie ich das einschätzen sollte. Wie er sich verhielt, und was er sagte, passte irgendwie nicht zusammen. Aus dieser Unsicherheit heraus lenkte ich ein, ohne mir klar zu sein, was ich tatsächlich wollte.

»Tu das nicht mit den Bergen. Es gibt bestimmt eine Möglichkeit, das irgendwie zu klären. Lass uns in den nächsten Tagen noch mal reden. Ich muss in Ruhe darüber nachdenken. Ich meld mich dann bei dir. Bis dann.« Damit legte ich auf. Im selben Moment bereute ich meine Reaktion. Ich ärgerte mich darüber, dass ich eingelenkt hatte, und dass ich ihm den Selbstmord ausgeredet hatte. Sollte er sich doch meinetwegen umbringen. Er hatte es verdient. Schließlich hatte er versucht, Christian umzubringen.

Ich brauchte ein paar Minuten, bis ich wieder einigermaßen klar denken konnte. Harald hatte mir also die ganze Zeit etwas vorgemacht. Er hatte sich doch Hoffnungen gemacht, dass aus unserer Freundschaft eine Liebesbeziehung werden könnte. Dabei hatte ich ihm immer ganz klar zu verstehen gegeben, dass er als Mann für mich nicht infrage kam. Als Freund verstand ich mich ausgezeichnet mit ihm, aber erotisch gab es auf meiner Seite nicht das geringste Interesse. Harald war absolut nicht mein Typ. Ich konnte sehr offen mit ihm reden und hatte mich zum Teil auch über sehr vertrauliche Dinge mit ihm unterhalten. Und auch er hatte mir viel von sich erzählt. Über seine Kindheit, seine Eltern und seine Schwierigkeiten in der Schule. Darunter auch viele Geschichten, bei denen ich mir nicht sicher war, ob er sie erfunden hatte oder ob sie wirklich der Wahrheit entsprachen. So hatte er mir zum Beispiel erzählt, dass es für ihn kein Problem wäre, sich einen perfekt gefälschten Pass zu besorgen und unter einem falschen Namen zu leben. Und er hatte angedeutet, dass er über eine Menge Geld verfüge, das er zum Teil geerbt habe, das er zum anderen Teil aber auch durch riskante Wetten und Spiele im Internet gewonnen habe. Auch von einer Pistole hatte er gesprochen, die er sich für alle Fälle besorgt habe. Schließlich könne man nie wissen, was die Zukunft bringt. Diesen Aussagen hatte ich damals keine Bedeutung beigemessen. Aber jetzt erschienen sie mir in einem völlig anderen Licht. Sie machten mir Angst. Wer war Harald wirklich? Und was hatte er vor? Was würde als Nächstes geschehen? War er krank? Und das Wichtigste, wie gefährlich war er?

* * *

Kapitel 6

Als Christian ins Büro gefahren war, hielt ich es im Haus nicht mehr aus. Ich schrieb eine Nachricht auf eine Serviette und drapierte sie, unter den Rand einer Tasse geklemmt, unübersehbar auf dem Küchentisch: »Hallo Liebling, bin in die Berge gefahren. Halt es hier nicht mehr aus. Muss mal in Ruhe nachdenken. Bin am Abend zurück.« Dann setzte ich mich ins Auto und fuhr Richtung Ehrwald. Auf dem Weg warf ich alle paar Minuten einen Blick in den Rückspiegel und beobachtete den Verkehr. Seit dem Telefongespräch mit Harald fühlte ich mich bedroht und hatte eine diffuse Angst vor dem, was er als Nächstes aushecken könnte. Wahrscheinlich war er mir in den letzten Monaten unentwegt heimlich gefolgt und hatte mich und Christian beobachtet. Es war sehr gut möglich, dass er auch jetzt unser Haus beschattete und mir folgte. Und wenn es stimmte, dass er eine Pistole hatte, dann war er jetzt vielleicht auch bereit, sie einzusetzen. Jetzt, da er aufgeflogen war, hatte er vielleicht Angst vor den Konsequenzen. Es war gut möglich, dass er ernsthafte Selbstmordgedanken hatte. Und wenn er wirklich so tickte, wie es für mich den Anschein hatte, konnte es gut sein, dass er beschlossen hatte, mich auf die Reise ins Jenseits mitzunehmen. Deshalb blieb ich bei einer Tankstelle am Ortseingang von Ehrwald stehen, kaufte mir im Shop eine Cola und setzte mich wieder ins Auto, um den Verkehr zu beobachten.

Als mir auch nach einer Viertelstunde noch nichts Ungewöhnliches aufgefallen war, startete ich den Motor wieder und fuhr langsam durch den Ort zur Talstation der Ehrwalder Seilbahn hinauf. Im Vorbeifahren inspizierte ich die Autos, die auf dem terrassenförmig angelegten Parkplatz unterhalb der Seilbahnstation abgestellt waren. Haralds grauer VW Golf war nicht darunter. Und auch von den anderen parkenden Fahrzeugen erschien mir keines verdächtig.

Auf der Höhe der Seilbahnstation wendete ich und ließ den Wagen langsam wieder bergab rollen. Niemand war mir gefolgt. Soweit ich die Straße einsehen konnte, kam mir kein Fahrzeug entgegen. Deshalb beschloss ich, hier zu bleiben, bog auf Höhe der mittleren Terrasse in den Parkplatz ein und stellte mein Auto hinter einem großen Wohnmobil ab, das am äußersten Ende des Platzes stand. In dieser Position war mein Auto von der Straße aus nicht zu sehen. Als ich den Motor abstellte, spürte ich, wie ich langsam ruhiger wurde und Erleichterung sich in meinem Körper ausbreitete.

Ich stieg aus, zog meine Bergschuhe an, schulterte meinen Rucksack und folgte den Schildern Richtung »Hoher Gang«. Der schmale, ausgesetzte Pfad, der unweit des Seebener Klettersteigs hinauf zum Seeben See führte, lag abseits der Hauptwanderwege und wurde nur von wenigen, erfahrenen Bergwanderern benutzt. In den letzten Jahren hatte ich den Hohen Gang oft gemacht, wenn ich in Ruhe über etwas nachdenken oder eine Entscheidung treffen wollte. Das Wandern in den Bergen hatte für mich etwas sehr Beruhigendes. Schon nach wenigen Hundert Höhenmetern stellte sich eine Art Schwerelosigkeit ein. Der Körper wurde vom Rhythmus des Gehens erfasst, und parallel dazu erreichten die Gedanken eine meditative Leichtigkeit. Aber heute funktionierte dieser Mechanismus nicht. Ich konnte nicht zur Ruhe finden. Harald hatte mich genau an der Stelle getroffen, an der ich am leichtesten zu treffen war. Ich hatte ihm vertraut, und er hatte mein Vertrauen mit Füssen getreten. Damit hatte er mich wieder zum Opfer gemacht. Ich fühlte mich mit einem Mal wieder in die Opferrolle zurückgeworfen, aus der ich mich erst vor wenigen Jahren unter großen Anstrengungen befreit hatte.

Die Berge hatten dabei eine große Rolle gespielt. Im Winter das Skifahren und im Sommer das Klettern und Bergsteigen. Ich konnte es in geschlossenen Räumen nicht lange aushalten. Nur draußen fühlte ich mich frei. Die Skisaison begann für mich Ende August, Anfang September. Ich gehörte zu den wenigen Glücklichen, die bei den ersten Skitagen auf den sonnenüberfluteten österreichischen Gletschern dabei waren. Und wenn die Skisaison im April zu Ende war, lagerte ich die Skiausrüstung in der Garage ein und verstaute im Gegenzug dazu das Kletterequipment in meinem weinroten Golf Kombi. In den Kletterrouten im Altmühltal, in den Alpen und im Tessin erlebte ich vollkommenes Glück und unendliche Freiheit. Ich dachte nicht an das Vergangene und nicht an morgen. Ich lebte nur im Augenblick. Wenn ich über den Fels tanzte oder am Wandfuß im Kreis all der anderen Kletterfreaks Espresso auf einem kleinen Gaskocher zubereitete, fühlte ich mich so leicht wie der zarte Duft der Kamelienblüten, der das Centovalli erfüllte. Aber in Wahrheit war ich auf der Flucht, auf der Flucht vor der Vergangenheit und auf der Flucht vor dem Morgen.

In dieser Zeit hatte ich Harald kennengelernt. Er hatte auf ein Posting geantwortet, mit dem ich im Internetforum der DAV-Kletterhalle einen Kletterpartner gesucht hatte. Bei unserem ersten Treffen war mir sofort klar gewesen, dass er als Mann für mich nicht infrage kam. Und ich hatte das Gefühl, dass es ihm umgekehrt mit mir genauso ging. Das war mit einer der Gründe dafür, dass ich mich schließlich für ihn entschied. Ich suchte keinen Mann. Ich suchte wirklich nur einen Partner zum Klettern, der auch unter der Woche Zeit hatte. Und das traf auf Harald zu. Er schien keinen festen Job zu haben und war spontan fast immer verfügbar, wenn Kletterwetter war.

Auf dem ganzen Anstieg zum Seeben See begegnete ich nur einem einzigen Wanderer, der mir im oberen Teil des Hohen Gangs entgegenkam. Noch bevor ich ihn sah, hörte ich bereits das hektische Scharren seiner Wanderstöcke, mit denen er sich ängstlich über eine Felsplatte zwischen lockerem Geröll nach unten tastete. Im Vorbeigehen warf er mir einen kurzen, unschlüssigen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. Suchte er Ermunterung oder schämte er sich für sein Staksen? Aber bevor er ein Wort sagen konnte, war ich an ihm vorbei. Und wenige Minuten später stand ich vor der magischen Kulisse des Sees und ließ meinen Blick über die umliegenden Berge streifen.

Aber auch jetzt konnte ich die erhabene Ruhe der Berge nicht empfinden. Immer wieder brachen Erinnerungsfetzen in meine Gedanken ein, und ich musste an die Zeit mit Harald denken. Die erste längere Unternehmung, die wir zusammen durchgeführt hatten, war der Klettersteig an der Tajakante gewesen. Von meinem Standpunkt aus konnte ich das Stahlseil des Steigs mit bloßem Auge nicht erkennen, aber ich konnte einen Teil der Linie nachvollziehen, die der lange Steig über den Tajakopf zieht. Harald hatte auf dem Weg zum Einstieg nur wenige Sätze gesprochen. Ich dagegen hatte ihm ausführlich klar gemacht, wie ich mir unsere zukünftigen Touren vorstellte. Er hatte mir in allem zugestimmt und versichert, dass er das genauso sehe, dass auch er nur einen Kletterpartner beziehungsweise eine Kletterpartnerin gesucht habe, und dass ihm die »Reinheit« einer solchen Beziehung wichtig sei. Er hatte tatsächlich das Wort »Reinheit« benutzt. Über diese Wortwahl erstaunt, hatte ich nachgefragt, was er damit meine. Woraufhin er nach einer langen Pause gesagt hatte: »Das bedeutet, dass man sich aufeinander verlassen kann, egal was passiert.« Und nach einer langen Pause, in der er mich einfach nur stumm angeschaut hatte, hatte er hinzugefügt: »Das ist in den Bergen wichtig. In den Bergen muss man sich 100-prozentig aufeinander verlassen können.«

Solche Pausen waren in Unterhaltungen mit Harald nichts Ungewöhnliches gewesen. Er hatte mich oft mitten im Gespräch so angesehen, als würde er nach Worten suchen. Seine Augen hatten dann immer einen seltsamen Ausdruck gehabt, den ich nicht deuten konnte. Was hatte er in diesen Momenten gedacht? War es Schüchternheit gewesen, die ihn stocken ließ, wie ich mir damals gesagt hatte? Hatte er versucht, seine Gedanken zu ordnen? Oder hatte er mich in diesen Pausen taxiert und sich seine eigenen Gedanken gemacht, zu dem, worüber wir gerade sprachen? Gedanken, die er nie ausgesprochen hatte, die für ihn aber das Einzige gewesen waren, was zählte? Jetzt dachte ich anders über Haralds Verhalten, jetzt wusste ich, dass er mir nie sein wahres Ich gezeigt hatte. Ich hatte ihm alles von mir erzählt, selbst Dinge, die sonst niemand von mir wusste. Er dagegen hatte keinen Blick in seine Gedanken und in seine Person zugelassen. Zwar hatte er mir auch ein paar Dinge über sich erzählt, aber im Nachhinein betrachtet, hatte er das immer auf eine Art und Weise getan, die alles in der Schwebe ließ. Ich hatte nie richtig einschätzen können, ob es wirklich wahr war, oder ob er nur Geschichten erzählte, um sich interessant zu machen. Für viele Dinge, die er angeblich getan hatte, war er viel zu schüchtern. Jedenfalls wirkte er so auf mich. Und wenn er von der Beziehung zu seiner Mutter erzählte, tat er mir manchmal fast leid, so wenig schien er sich selbst zuzutrauen, so wenig schien er sein Leben im Griff zu haben. Jetzt hatte ich einen anderen Harald kennengelernt. Einen Menschen, der mir Angst machte, und der wahrscheinlich zutiefst krank war. Denn was er getan hatte, konnte ich mir anders nicht erklären. Wenn ich jetzt daran dachte, wie viel Harald über mich wusste, während er für mich ein undurchschaubarer Fremder war, schnürte es mir die Kehle zu. Ich fühlte mich ihm schutzlos ausgeliefert. Und jetzt wurde mir klar, dass er dieses Spiel schon immer gespielt hatte. Denn dieses Spiel gab ihm Macht. Es linderte das unerträgliche Gefühl der Minderwertigkeit, das ihn in seinem Innersten beherrschte.

Ich hatte eigentlich vorgehabt, auf die Sonnenspitze zu gehen, aber als ich die Coburger Hütte erreicht hatte, machte ich kehrt und trat den Heimweg an. Ich hatte meinen Entschluss gefasst. Mir war klar geworden, dass ich Haralds Anschlag nicht einfach hinnehmen durfte. Er hatte mit einem Schlag den Boden unter mir zertrümmert, auf dem ich mich in den letzten Jahren einigermaßen sicher gefühlt hatte. Ein ungeheuerer Eingriff in mein Leben, durch den er all das Vertrauen in Menschen, das ich mir in den vergangenen Jahren mühsam aufgebaut hatte, wieder zerstört hatte. Und er hatte mit Christian den Menschen attackiert, den ich am meisten liebte. Damit hatte er diese wunderbare Liebe, in der wir gelebt hatten, für immer zerstört. Ich spürte, dass unser Glück damit unwiederbringlich zerbrochen war. Man kann Scherben wieder aufsammeln. Man kann Stunden und Tage damit verbringen, sie wieder zusammenzufügen. Aber auch wenn man die stärksten Kleber verwendet, es wird nie mehr so sein wie zuvor.

Meine Wut auf Harald stieg ins Unermessliche. Ich begann mich Stunde um Stunde mehr dafür zu hassen, dass ich ihn am Telefon davon abgehalten hatte, sich umzubringen. Anstatt ihm deutlich zu sagen, was er mir angetan hatte, hatte ich mich klein gemacht, hatte eine Art »Appeasement« betrieben. Ich hatte das Ganze als nicht so schlimm dargestellt. Und damit war ich wieder in meine Opferrolle zurückgefallen. Das wurde mir mehr und mehr bewusst. Und je klarer ich mir darüber wurde, desto sicherer war ich, dass ich es nicht damit bewenden lassen durfte.

Als ich zu Hause ankam, war ich entschlossen, Harald wegen Mordversuchs und Stalking anzuzeigen. Er sollte für das bezahlen, was er mir angetan hatte. Mir war klar, dass das viele Unannehmlichkeiten für uns bedeuten würde, aber ich musste mich wehren. Christian war nicht gerade begeistert von meinem Entschluss. Er hätte die Sache am liebsten auf sich beruhen lassen, zumal Harald inzwischen in einer Mail den Ausgleich des materiellen Schadens per Überweisung angekündigt hatte. Trotzdem stand er zu mir und begleitete mich am nächsten Morgen aufs Polizeirevier, um die Anzeige aufzugeben.

 

Die Front-Ends von Luxushotels und Polizeirevieren sind nach dem gleichen Prinzip aufgebaut. Sie sollen dem Klienten deutlich machen, dass hier der Zugang zu einer Art Heiligem Gral geregelt wird. Der Empfangstresen im Adlon ist jedoch etwas freundlicher gestaltet, als der Tresen eines Kleinstadtreviers. Diese Nuancen in der Gestaltung sind angemessen. Geht es am Tresen einer Luxusherberge um die Entscheidung, ob man zum Kreis der Auserwählten und Erfolgreichen gehört, wird am Tresen eines Polizeireviers in erster Instanz darüber befunden, ob man zum Kreis der Unbescholtenen gehört oder dem Kreis der Verdächtigen zuzuordnen ist.

Bei unserem Revier handelte es sich bei diesem Tresen um eine schlichte Barriere, die mit vergilbtem Holz verkleidet war, und über eine schmale Tür in der Mitte verfügte. Die Schreibfläche des Tresens war mit schwarzem Resopal ausgelegt und ebenfalls vollkommen schmucklos. Bis auf zwei Ausnahmen: ein Holzdisplay auf der rechten Seite, in dem ein paar dünne Infobroschüren zum Thema Prävention von Einbruchdiebstählen steckten, und einen abgegriffener Kalender, auf dem ein Bleistiftstummel lag. Jenseits der Theke standen zwei Schreibtische, die ihrem Aussehen nach zur Eröffnung der Dienststelle in den 1960er Jahren angeschafft worden waren. Die vier Computermonitore, die so positioniert waren, dass man sie von jenseits der Barriere nicht einsehen konnte, hatten ihre besseren Tage auch bereits seit längerer Zeit hinter sich. Trotzdem funktionierte das Prinzip noch einwandfrei. Die hinter der Barriere hatten die Funktion, die vor der Barriere zu taxieren, die Spreu vom Weizen zu trennen. Früher war dies, wenn man den Filmen, die es über Polizeiarbeit gab, trauen konnte, direkter und unmissverständlicher geschehen. Heute war das Personal darauf geschult, sich unvoreingenommen zu präsentieren und Menschen nicht nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Beim Personal im Adlon war das eindeutig besser gelungen als in unserem Polizeirevier. Ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass die Beamten nicht besonders erfreut über meine Anzeige waren, und sich das anmerken ließen. Vielleicht war es aber auch nur ihre teilnahmslose Sachlichkeit, die mich irritierte, weil ich Anteilnahme für mein Schicksal erwartet hatte.

Als nach etwa einer Viertelstunde eine Kollegin erschien und den Fall übernahm, änderte sich das. Ich fühlte mich besser verstanden. Und auch die männlichen Beamten wirkten irgendwie erleichtert, dass sie den heiklen Fall von der Backe hatten. So etwas sei im Ort noch nie vorgekommen, seit er hier Dienst tue, und das seien immerhin schon an die zwanzig Jahre, bemerkte einer. Es klang fast wie ein Versuch, Verständnis zu zeigen.

Die Kollegin, die sich als Sabine Bauer vorgestellt hatte, tippte meine Aussage umständlich in den Computer. Eine schier endlose Prozedur. Ich konnte Christians Ungeduld spüren, die er mit der Lektüre der Broschüren zur Einbruchsprävention in den Griff zu kriegen versuchte. Endlich war die Niederschrift des Protokolls fertig. Die Beamtin holte den Ausdruck vom Drucker, der in einem Nebenraum stand, und trat zu uns an den Tresen.

»Lesen Sie sich das bitte noch mal genau durch, und dann bitte hier unterschreiben, wenn alles richtig ist.« Sie zeigte mir die Stelle auf dem Protokoll, die für die Unterschrift vorgesehen war. »Kann ich mal die Fotos von den Bremsleitungen sehen, die sie gemacht haben?«

»Klar«, Christian zeigte ihr die Ausdrucke, die wir angefertigt hatten.

Jetzt kam Leben ins Revier. Das wollten sich die Kollegen nicht entgehen lassen. Die Fotos der manipulierten Bremsleitungen gingen von Hand zu Hand. Keiner wollte einen Kommentar abgeben, aber die Mienen zeigten, dass die Bilder beeindruckten.

»Können Sie mir die dalassen?«, fragte Frau Bauer.

»Ja, klar, die können Sie behalten. Ich kann Ihnen die auch noch größer ausdrucken, oder ich kann Ihnen die Dateien schicken«, antwortete ich.

»Danke, das genügt mir erst mal. Das soll dann der Staatsanwalt entscheiden, ob er noch mehr braucht.« Sie legte die Fotos in eine Klarsichthülle.

»Was mach ich jetzt mit dem Auto? Kann ich das reparieren lassen? Oder wollen Sie das begutachten lassen?«, fragte Christian, sichtlich bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, dass er genervt war.

»Auch das soll der Staatsanwalt entscheiden. Warten Sie mit der Reparatur noch ein paar Tage. Ich melde mich die nächsten Tage bei Ihnen, wenn ich weiß, wie die Staatsanwaltschaft vorgehen will.«

»Und was passiert jetzt? Das war doch ein Mordversuch, oder?«, fragte ich.

»Das entscheidet der Staatsanwalt, welche Anklage er erhebt. Das kann auch nur wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr sein. Das ist Sache der Staatsanwaltschaft. Wie die das einschätzen, kann ich Ihnen nicht sagen,« bemerkte die Polizistin lakonisch.

»Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr? Der Typ versucht meinen Mann umzubringen, und das ist gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr? Außerdem hat er eine Pistole, hat er mir mal erzählt. Der Typ ist gefährlich!«, warf ich ein.

Das Wort »Pistole« wirkte, als hätte ich tatsächlich einen Schuss in die Decke des Reviers abgefeuert. Die beiden Polizisten an den Schreibtischen standen fast synchron abrupt auf und starrten mich an. Auch bei Frau Bauer hatte das Wort gezündet. »Warum haben Sie das bei Ihrer Aussage nicht erwähnt?«, meinte sie mit einem leichten Vorwurf in der Stimme. »Das müssen wir unbedingt noch ins Protokoll mit aufnehmen.« Damit setzte sie sich wieder an den Schreibtisch und begann zu tippen.

* * *

Kapitel 7

Die ersten Tage nach der Anzeige verbrachte ich in permanenter Unruhe und Anspannung. Bevor ich aus dem Haus ging, lief ich durch alle Zimmer und sah aus jedem Fenster, um mich zu vergewissern, dass niemand im Garten auf mich lauerte. Wenn ich eine Strasse überqueren musste, sah ich mich nach allen Seiten um und suchte nach verdächtigen Personen oder Autos, die mir gefolgt sein könnten.

Ich war felsenfest davon überzeugt, dass die Staatsanwaltschaft inzwischen tätig geworden war. Wahrscheinlich hatte man Harald zu einer Vernehmung einbestellt oder eine Hausdurchsuchung wegen der Pistole bei ihm durchgeführt. Vielleicht hatte man ihn ja sogar kurzzeitig festgenommen. Deshalb hatte ich Angst, dass Harald darauf mit einer unberechenbaren Aktion reagieren könnte, und wartete sehnsüchtig auf eine Nachricht des Staatsanwalts. Aber nichts geschah. Erst nach über einer Woche rief endlich Frau Bauer vom Polizeirevier bei uns an, nur um uns lapidar mitzuteilen, dass wir die Bremsleitungen reparieren lassen könnten. Dem Staatsanwalt würden die Fotos reichen, die sie mit meiner Aussage an ihn übermittelt habe. Dabei blieb es.

Monate vergingen, ohne dass wir etwas von der Polizei oder von der Staatsanwaltschaft hörten. Einzig Harald meldete sich und bot an, die Summe zur Regulierung des Schadens beträchtlich aufzustocken. Nach Rücksprache mit einem Anwalt ging ich auf sein Angebot ein. Gleichzeitig teilte ich ihm mit, dass ich keinerlei Kontakt mehr zu ihm haben wolle. Er schickte mir noch zwei SMS-Mitteilungen, dass ihm das Ganze leidtue und dass er wisse, dass er allein daran schuld sei. Deshalb sei es nur gerecht, dass er immer daran denken müsse und darunter leide wie ein Hund. Ich schrieb ihm zurück, dass er sich sein widerwärtiges Selbstmitleid sparen solle und, dass ich ab sofort gegen jeden weiteren Kontaktversuch seinerseits mit allen verfügbaren rechtlichen Mitteln vorgehen würde. Darauf hin hörte ich nichts mehr von ihm.

Ein paar Wochen später rief ich bei Frau Bauer im Polizeirevier an und erkundigte mich nach dem Stand des Verfahrens. Sie könne mir nichts zu den laufenden Ermittlungen sagen, meinte sie, ich solle mich an den zuständigen Staatsanwalt wenden. Nach einem Anruf bei diesem, war ich genauso schlau wie vorher. »Wir gehen der Sache nach. Verlassen Sie sich darauf. Ich kann Ihnen weiter keine Details zu dem laufenden Verfahren nennen. Aber Sie hören von uns, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind«, fertigte mich der Staatsanwalt ab. Damit musste ich mich wohl oder übel abfinden, was mir mit zunehmendem Abstand zu den Geschehnissen auch einigermaßen gelang.

Die Zeit lässt alles verblassen. Man vergisst. Über Schmerz und Demütigung legt sich ein Schleier, der einen wie eine Isolierschicht vor dem darunter nach wie vor fließenden gefährlichen Strom schützt und verhindert, dass man zerbricht. Wir nahmen unser normales Leben wieder auf, versuchten, in der Gemeinde Fuß zu fassen und trieben die Renovierungsarbeiten an unserem Haus voran. Die Euphorie, mit der wir unsere gemeinsame Zukunft begonnen hatten, war dahin. In einer Art »Pflicht auszuharren« richteten uns weiter in der neuen Umgebung ein, weil wir uns nicht eingestehen wollten, dass wir die Freude daran verloren hatten. Seit dem Anschlag lag auch über unserer Beziehung ein Schatten. Vor allem ich war durch die Ereignisse schwer getroffen und fühlte mich, wie aus meinem eigenen Leben vertrieben. Ohne es auszusprechen, hatte ich mehr und mehr das Gefühl, dass unsere Zukunft am Ammersee nur noch von begrenzter Dauer sein würde. Die märchenhafte Leichtigkeit unseres Anfangs würde nie mehr zurückkommen, dessen war ich mir sicher. Ich tat alles, um Christian nichts von meiner düsteren Stimmung merken zu lassen, aber es gelang mir nicht. Ich musste zusehen, wie sein heiteres Lachen von Tag zu Tag mehr von seinem Glanz verlor.

Die Arbeiten am Haus waren so gut wie abgeschlossen, und wir waren dabei, unseren endgültigen Umzug zu planen, als wir die Ladung zum Prozess gegen Harald zugestellt bekamen. Sofort kehrten innere Unruhe und Anspannung zurück. Sie hatten an Intensität nichts eingebüßt, obwohl inzwischen mehr als fünf Monate vergangen waren. Ich spürte, wie mein Herz zu rasen anfing, während ich den Text der Ladung durchlas. Die Angst vor Harald hatte mich wieder gepackt. Wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange sah ich wie gelähmt der unausweichlichen Konfrontation mit ihm entgegen.

Seit meiner letzten SMS hatte Harald keinen Kontaktversuch mehr unternommen. Die abschließende Zahlung zur Wiedergutmachung des Schadens war nur wenige Tage später auf meinem Konto eingetroffen. Das Kalkül, das dahintersteckte, war mir klar. Durch den Versuch der Wiedergutmachung und die gezeigte Reue wollte Harald vor Gericht punkten und die Richter milde stimmen. Aber inzwischen war ich überzeugt, dass Harald zu einer Empfindung wie Reue gar nicht fähig war. Ich hatte lange und intensiv über ihn und unsere gemeinsame Zeit nachgedacht. Dabei hatte ich begriffen, wie er tickte. Nach außen war er zurückhaltend und schüchtern, aber hinter dieser Maske steckte ein Psychopath. Wie gefährlich dieser Psychopath war, konnte ich immer noch nicht einschätzen. Aber dass er fähig war, Menschen zu verletzten oder gar zu töten, hatte er durch den Anschlag auf Christian eindeutig bewiesen.

Je näher der Prozess rückte, desto unruhiger wurde ich. Wenn ich draußen unterwegs war, sah ich mich alle paar Minuten um. Beim Autofahren hatte ich immer ein Auge im Rückspiegel. Wenn ich allein nach Hause zurückkam, fühlte ich mich erst sicher, wenn ich alle Zimmer durchsucht hatte. Zu groß war die Angst, dass Harald durch irgendeine Teufelei versuchen könnte, unsere Aussage beim Prozess zu verhindern. Wie ein eitriges Geschwür brach die Vergangenheit wieder auf. Meine Gedanken kreisten ohne Unterlass um den Anschlag und die Zerstörung unseres Glücks. Ich durchlebte noch einmal all die Verzweiflung, die für mich damit verbunden war.

Am Vorabend des Prozesses erreichte diese Verzweiflung ihren Höhepunkt. Ich bereute, dass ich die Anzeige erstattet hatte, und wäre am liebsten davongelaufen, so unerträglich erschien mir die Aussicht auf das in wenigen Stunden bevorstehende Wiedersehen mit Harald im Gerichtssaal. Ich wusste nicht, wie ich diesen Tag überstehen sollte.

Aber es kam noch schlimmer. Der Prozess übertraf alles, was ich mir in meinen schlimmsten Träumen ausgemalt hatte. Haralds Verteidiger hatte sich eine Strategie zurechtgelegt, die mich als die Schuldige des Ganzen hinstellen sollte. Er argumentierte, dass ich Haralds Verliebtheit, anders als von mir in meiner Aussage zu Protokoll gegeben, sehr wohl bemerkt hätte. Im Gegenteil, ich hätte diese Verliebtheit sogar ausgenutzt und seinem Mandanten ganz bewusst Hoffnungen gemacht, um mir dadurch Vorteile zu »erschleichen«, wie er sich ausdrückte. Unter dem Vorwand, dass ich Geld für eine dringende zahnärztliche Behandlung bräuchte, hätte ich mir 20.000 Euro von seinem Mandanten geliehen, die ich dann jedoch für einen Autokauf verwendet hätte. Dass ich Harald das geliehene Geld schon längst wieder zurückgegeben hatte, verschwieg der Anwalt bei seinen Ausführungen zunächst. Er räumte dies erst auf meinen Protest und auf Nachfrage des Richters hin ein. Sein Mandant habe mich als eine in ihren Handlungen und Reaktionen sehr unberechenbare Person erlebt, insistierte er. Dies habe ihn immer wieder in emotionale Ausnahmezustände versetzt. Und auch der »Übergriff« auf Christans Auto, wie er es nannte, sei in einem solchen Ausnahmezustand erfolgt. Denn nur wenige Stunden zuvor habe sein Mandant feststellen müssen, dass er die ganze Zeit getäuscht worden war. Als er mich an dem Abend der Tat zusammen mit Christian gesehen habe, sei ihm klar geworden, dass ich einen festen Freund habe und, dass ich ihm in all den Monaten etwas vorgemacht hatte. Die Enttäuschung über diesen Vertrauensbruch habe seinen Mandanten in eine emotionale Krise gestürzt. Aus dieser emotionalen Extremsituation heraus sei der Übergriff auf Christians Auto zu sehen. Dass es Harald mangels zielgerichteter Planung nicht gelungen sei, die Bremsleitungen zu kappen, sei als Indiz für eine Handlung im Affekt zu werten. Seinem Mandanten sei auch zugutezuhalten, dass er danach die Reifen des Fahrzeugs zerstochen habe. Er habe dadurch verhindern wollen, dass jemand das Fahrzeug benutzt und dabei zu Schaden kommt.

Als ich diese Argumentation des Anwalts hörte, war ich vollkommen fassungslos. Wie konnte jemand ungestraft und unwidersprochen die Wahrheit in diesem Ausmaß verdrehen? Ich hatte Harald mehrmals und unmissverständlich gesagt, dass er für mich als Mann nicht infrage käme. Und mein Verhältnis zu Christian war einzig und allein meine Sache und ging ihn rein gar nichts an. »Das ist eine Lüge, eine ungeheuere Lüge«, rief ich empört dazwischen. Woraufhin mir der Richter eine Ermahnung erteilte. Hilflos musste ich weiter mit anhören, wie die Wahrheit skrupellos in ihr Gegenteil verkehrt wurde.

Endlich war ich mit meiner Aussage an der Reihe und versuchte, vehement die Unterstellungen von Haralds Verteidiger zurückzuweisen. An der Reaktion des Gerichts spürte ich, dass die emotionale Betroffenheit, die ich dabei zeigte, nicht unbedingt zu meinen Gunsten interpretiert wurde. Dies änderte sich jedoch, als Christian in den Zeugenstand trat. Durch seine Darstellung der Geschehnisse und durch die überzeugende Schilderung seiner Eindrücke wurde in meinen Augen jedem im Saal klar, dass die Verteidigungsstrategie Haralds sich nur auf aus der Luft gegriffene Behauptungen stützte.

Als wir als Zeugen entlassen waren und das Gerichtsgebäude verließen, war ich froh, es hinter mir zu haben. Ich war stolz darauf, dass ich mich gegen Haralds gewaltsamen Eingriff in mein Leben gewehrt hatte. Bis zuletzt hatte er versucht, mich zusammen mit seinem Anwalt zum Opfer zu machen. Aber es war ihm nicht gelungen. Ich hatte für mein Recht gekämpft und gewonnen. In der Überzeugung, dass Harald eine angemessene Strafe bekommen würde, verbrachte ich mit Christian den ersten glücklichen Abend seit Monaten.

Am nächsten Morgen telefonierte ich mit meinem Anwalt, um mich nach dem Ausgang des Verfahrens und nach dem Strafmaß für Harald zu erkundigen. Was ich hörte, machte mich sprachlos. Harald war wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Das heißt, er konnte den Gerichtssaal als freier Mann verlassen. Unfassbar! Harald hatte versucht, meinen Mann umzubringen und musste dafür nicht einen einzigen Tag ins Gefängnis. Und für uns bedeutete das, dass wir jederzeit mit weiteren Übergriffen und Anschlägen rechnen mussten. Harald hatte unser Leben zerstört und das Gericht hatte ihm quasi einen Freibrief ausgestellt, uns weiter zu terrorisieren. Ich brauchte Tage, um darüber hinwegzukommen. Gerechtigkeit? Das war keine Gerechtigkeit, das war Hohn. Dieses Urteil war in meinen Augen ein einziger Hohn.

* * *

Leseprobe: Cabrios

 

 
 
 
 

Als ihn Barbara im Morgengrauen gutgelaunt und mit dem Slogan, »Morgenstund hat Gold im Mund«, weckte, fühlte er sich total gerädert und konnte sich im ersten Augenblick beim besten Willen nicht vorstellen, dass seine Beine ihn auch nur zwei Schritte weit tragen würden.

Barbara hatte den Abschleppwagen schon startklar gemacht und ein Frühstück für unterwegs vorbereitet. »Wenn du zu schwach zum Einsteigen bist, kann ich dich auch an den Haken nehmen«, scherzte sie, als sie sah, wie Andy sich abmühte, ein Bein vor das andere zu setzen.

Andy war froh, als er sich auf den Beifahrersitz gehievt hatte und wieder in Schlummermodus schalten konnte. Das gleichmäßige Brummen tat ein Übriges. Er verdöste einen Großteil der Fahrt und wurde erst wieder munter, als die Landschaft allmählich anfing, hügeliger zu werden und die Frequenz von Wanderern, Mountainbikern und Duracell-Opis auf italienischen Rennrädern unaufhaltsam zunahm. Fast im Minutentakt wurden sie von schicken Cabrios und Autos, deren Dächer mit den unterschiedlichsten Sportgeräten bepackt waren, überholt. Nicht nur einmal streckte sich ihnen dabei die berühmte Faust mit dem Stinkefinger entgegen, weil die meisten den Abschleppwagen als provozierendes Verkehrshindernis empfanden.

»Wir haben Glück, optimales Cabriowetter, könnte gar nicht besser sein«, bemerkte Barbara gutgelaunt und steuerte den Abschleppwagen auf den Parkplatz vor einem großen Ausflugsrestaurant. »Schauen wir doch mal, was so alles im Angebot ist!« Damit stieg sie aus und schlenderte mit strahlenden Augen über den Parkplatz – gefolgt von Andy, dessen Lebensgeister langsam wieder erwachten.

»Siehst du, was ich da sehe«, frohlockte Barbara plötzlich und steuerte auf ein wunderschönes, silbernes Mercedes 300 SL Roadster Cabriolet mit roten Ledersitzen, cremefarbenem Lenkrad und schwarzem Verdeck zu.

»Riech mal, das Leder!«, beugte sich Barbara über den Wagen und saugte die Luft in tiefen Zügen ein. »Baujahr 1960, tippe ich, das war einfach noch erste Qualität damals. Classic Silber, rote Innenausstattung. Das ist genau das, was ich schon lange gesucht habe. Der passt perfekt in meine Sammlung!«

Sie drehte eine Runde um den Roadster und taxierte ihn mit Kennerblick. »Da wollen wir doch mal dran bleiben!« Mit diesen Worten bückte sie sich und platzierte mit einer routinierten Handbewegung eine kleine graue Box am Unterboden des Fahrzeugs. »Fahrradhandschuhe auf der Mittelkonsole, Adidas Sonnenbrille, Trinkflasche. Das ist bestimmt ein Mountainbiker auf Tour. Da könnte was gehen!«

Zurück im Abschleppwagen, holte Babara ein Smartphone aus dem Handschuhfach, legte es neben sich auf die Mittelkonsole und startete eine Navigationsanwendung. Andy staunte. Nie und nimmer hätte er bei Barbara ein derartiges elektronischen Gerät erwartet.

Nur wenige Sekunden später tauchte ein roter Punkt auf dem Navigationsbildschirm auf und begann in regelmäßigen Abständen zu blinken. »Bingo! Jetzt müssen wir nur noch warten, bis der Herr mit dem Frühstück fertig ist«, stellte Barbara zufrieden fest und griff nach der Thermosflasche mit dem Kaffee, die sie hinter dem Fahrersitz verstaut hatte. »Apropos Frühstück. Willst du auch eine Tasse von dem braunen Nass?«

Andy war unfähig, zu antworten. Er war immer noch damit beschäftigt, zu verarbeiten, was er gerade gesehen hatte. Und seine Synapsen, die mit der Aufgabe, die Erlebnisse des vergangenen Abends und die aktuelle Situation miteinander in Einklang zu bringen, überlastet waren, schafften es nicht, angemessen auf diese profane zusätzliche Anforderung zu reagieren. »Ich weiß nicht, ich denke … nein, im Moment nicht … oder doch?«, stammelte er abwesend.

»Na, dann denk mal weiter nach. Und halt inzwischen mal meine Tasse! Ich muss mir das Cabrio noch mal genauer anschauen.« Damit stieg sie aus, schlenderte unauffällig über den Parkplatz, und inspizierte den Mercedes noch einmal aus der Nähe. Andy konnte aus der Entfernung nicht genau sehen, was sie machte, fand es jedoch ziemlich auffällig wie sie sich über das Auto beugte und den Innenraum genau in Augenschein nahm. Andererseits, bei einem Oldtimer wie diesem, kam das sicher jeden Tag vor. Ein Auto wie dieser Mercedes erregte überall Aufsehen.

Plötzlich brach Barbara ihre Inspektion des Cabrios ab und kam mit schnellen Schritten zurück. Mit den Worten, »es ist soweit, da hinten kommt unser Biker«, hievte sie sich auf den Fahrersitz und betätigte den Anlasser.

Andy sah aus dem Fenster. Barbara hatte sich nicht getäuscht. Der Fahrer des Cabrios tänzelte mit federnden Schritten über den Parkplatz auf sein Auto zu. In der rechten Hand das Vorderrad seines Bikes, das er mit zum Frühstück genommen hatte, um Dieben keine Chance zu geben.

Als er das Cabrio erreicht hatte, umrundete er das Fahrzeug mit einem prüfenden Blick. Erst danach platzierte er das Mountainbikerad mit elegantem Schwung auf dem Beifahrersitz und setzte sich hinter das Steuer. Bevor er den Motor startete, warf er noch einen Blick in den Rückspiegel, strich sich durch die grauen Haare und drapierte eine Ray Ban Sonnenbrille auf die Nase.

Barbara beobachtete die Prozedur mit einem amüsierten Lächeln und nutzte die Zeit für ein paar Schlucke Kaffee. »Ein wunderschönes Cabrio, findest du nicht auch?«, wandte sie sich an Andy, dessen Synapsen langsam wieder auf Kurs kamen. »Schau dir diese elegante Seitenlinie an, und diese Farbkombination! Grandios! Aber leider in den falschen Händen. Aber na ja, vielleicht ändert sich daran ja noch was.« Damit manövrierte Sie den Abschleppwagen Richtung Parkplatzausfahrt und folgte dem Roadster.

Der Abschleppwagen war nicht schnell genug. Es dauerte nicht lange und sie hatten den Sichtkontakt zu dem Mercedes verloren. Aber der rote Punkt auf dem Bildschirm des Navi zeigte Ihnen, dass sie noch dran waren. »Wir haben es nicht eilig. Ich kann mir schon vorstellen, was er vorhat. Er will sicher die Tour auf den Drachenkopf machen. Das ist hier die beliebteste Strecke für Mountainbiker, die glauben, dass sie’s draufhaben. Keine einfache Tour. Da kommt es entscheidend darauf an, was man in der Trinkflasche hat. Ohne eine optimale Versorgung mit Mineralien kommt man da schnell an seine Grenzen. Wenn wir sicher sind, dass er die Tour macht, dann können wir für ein paar Stunden schwimmen gehen, bis er mit der Runde fertig ist.«

Mit der Entwicklung ihres Ausflugs äußerst zufrieden, lehnte Barbara sich zurück und fing an, die Melodie von Wind of Change von den Scorpions vor sich hin zu pfeifen. Die wütenden Autofahrer, die den Abschleppwagen als Verkehrshindernis betrachteten, brachten sie nicht im Geringsten aus der Ruhe. Und auch Andy hatte sich mittlerweile an das Hupen und die wütenden Gesten gewöhnt, sie gehörten dazu, wie das Panorama und der Löwenzahn auf den Wiesen.

Plötzlich hörte der rote Punkt auf dem Navigationsbildschirm auf, sich zu bewegen. »Wie ich vermutet hab, er macht die Drachenkopftour und steht jetzt dort auf dem Parkplatz«, stellte Barbara zufrieden fest. »Das heißt für uns, dass wir jetzt ein paar Stunden Zeit haben. Ich kenn da einen Badesee in der Gegend. Dort können wir uns in den Schatten legen und ein paar Meter schwimmen. Und wenn du Lust hast, können wir auch eine Runde Federball spielen. Ich hab Schläger im Auto.«

* * *

Der Nachmittag am See verging im Flug. Barbara hatte beste Laune, und Andy, der als Berliner Plattenbaukind Tätigkeiten wie Schwimmen und Federballspielen nur in Ausnahmefällen absolvierte, fand mehr und mehr Gefallen an dieser Art der Freizeitbeschäftigung.

Erst kurz vor Einbruch der Dämmerung gingen sie zum Auto zurück und machten sich auf den Weg zum Drachenkopfparkplatz. Als sie in den Parkplatz einbogen, war er bis auf zwei Fahrzeuge völlig verlassen. Ganz am hinteren Ende des Platzes stand neben einer überquellenden Mülltonne das Mercedes Cabriolet. Barbara brachte den Abschleppwagen direkt neben dem Cabrio zum stehen und stieg aus. Andy folgte ihr.

»Hm, das Cabrio steht immer noch hier«, meinte sie besorgt und strich liebevoll über die Motorhaube des Fahrzeugs. »Das ist kein gutes Zeichen. Hoffentlich ist nichts passiert. Mountainbiken ist nicht ganz ungefährlich. Ich denke, wir sollten mal nach ihm schauen.« Damit schlenderte sie über den Parkplatz und bog in den Wanderweg ein. Andy folgte ihr.

Nachdem sie ein paar hundert Meter bergauf gegangen waren, erreichten sie eine Abzweigung, an der, unmittelbar neben einem steilen Abhang, ein schmaler Pfad von oben kommend in den Wanderweg einmündete. Barbara blieb stehen und sah sich um. »Das ist die gefährlichste Stelle der ganzen Tour. Hier sind die meisten Biker von der Tour erschöpft und froh, endlich den Wanderweg erreicht zu haben. Und in dem Moment passieren dann die Fehler. Und dummerweise ist genau hier dieser Abhang, der nicht den kleinsten Fehler verzeiht.«

Barbara zog eine Taschenlampe aus ihrer Jacke und leuchtete den Fuß des Abhangs ab. Plötzlich blitzte im Lichtkegel ein verbeultes Mountainbike auf. Und ein paar Meter weiter lag der Fahrer auf dem Rücken und reckte seine bizarr verdrehten Beine in die Luft. »Okay, wir haben ihn. Du bleibst am Besten hier und hältst die Stellung. Ich hol ein Seil aus dem Auto, weil ohne Seil kriegen wir den da unten nicht raus.« Damit drückte sie Andy die Taschenlampe in die Hand und machte sich auf den Weg zum Parkplatz zurück.

Die Sonne war mittlerweile vollständig hinter dem Horizont verschwunden. Bis auf eine schmale Mondsichel und ein paar Sterne war es dunkel. Andy wurde zunehmend mulmiger zumute. Auf was zum Teufel hatte er sich da eingelassen. Barbara war vollkommen durchgeknallt. Was sie da machte war der pure Wahnsinn und konnte sie beide für Jahre ins Gefängnis bringen. Das Ganze war auf gar keinen Fall ein Zufall, das hatte System. Woher zum Teufel wusste sie, dass der Biker hier abstürzen würde? Hatte sie vielleicht Helfer? Oder hatte sie dem Biker auf dem Parkplatz Gift oder ein Betäubungsmittel in die Trinkflasche gekippt? Er musste ihr unbedingt sagen, dass er damit auf gar keinen Fall etwas zu tun haben wollte.

Als Barbara nach zirka zwanzig Minuten mit dem Seil zurückkam, machte sie Andys ohnehin geringe Hoffnung, dass alles ein Zufall sein könnte, vollends zunichte. Die Routine, mit der sie bei der Bergung des verunfallten Bikers zu Werke ging, machte deutlich, dass sie das ganz bestimmt nicht zu ersten Mal machte. Es dauerte keine zehn Minuten, dann lagen Biker und Mountainbike nebeneinander auf dem Wanderweg. Und weitere fünf Minuten später hatte sie den Tod des Bedauernswerten festgestellt und seine Leiche auf dem Bike verschnürt, so dass sie ihn ohne allzu viel Kraftaufwand zum Parkplatz schaffen konnten. Dort verstauten sie die Leiche im Kofferraum des Mercedes Cabriolets. Das ramponierte Bike verschwand in der Blechkiste hinter dem Führerhaus des Abschleppwagens.

Mit ihrem Werk zufrieden, schloss Barbara den Kofferraum ab und drückte Andy den Cabrioschlüssel in die Hand. »Okay, ich fahr jetzt noch den Abschleppwagen auf einen Parkplatz ein paar Hundert Meter weit von hier. Dann komm ich zurück und wir machen die Fliege. Den ‚Gelben‘ hol ich dann morgen oder übermorgen ab.« Damit ließ sie Andy zum zweiten Mal allein im Dunkeln zurück.

 

 

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“Totenfeld” – Leseprobe

Er liegt wach neben seiner Frau und kann nicht schlafen. Aber er passt auf, dass sie nichts merkt davon. Er kann nicht aufhören, an sie zu denken. Seit sie im Stall ist, geht das so. Er fragt sich, warum das so ist, aber er weiß keine Antwort. Irgendwas an ihr zieht ihn an. Er kann nicht sagen, was es ist, aber es lässt ihn nicht los.

Wenn er nachts so wach liegt, ertappt er sich dabei, dass er mit ihr redet. Stundenlang erzählt er ihr von sich, von seiner Angst, von seinen Gefühlen. Er ist selbst überrascht davon, was ihm dann in den Kopf kommt. Fast kommt es ihm vor, als wäre das nicht seine Stimme. Als wäre es ein anderer, der da in ihm spricht. Es macht ihm Angst, was diese Stimme sagt. Und auch die Bilder, die vor ihm auftauchen, machen ihm Angst.

Er spürt, dass sie weich ist, zart. Auch so ein Wort, dass ihm eigentlich fremd ist. Und er stellt sich vor, wie sie seiner Kraft nachgibt, wenn er sie umklammert.

Wenn er endlich einschlafen kann, ist es oft schon Morgen. Und dann träumt er von ihr. Auch heute hat er wieder von ihr geträumt. Im Traum hat er auf einen großen, schwarzen Vogel geschossen, der über ihm unter einer hellen Wolkendecke Richtung Fluss fliegt. Den triffst du nie aus der Entfernung, sagt er sich, bevor er abdrückt. Und als dann der Vogel wie ein Stein aus dem Himmel fällt, schnürt es ihm die Brust zu, so erschrocken ist er, und so schuldig fühlt er sich. Aber er will sich nichts anmerken lassen und lacht und versucht, ein ganz gleichgültiges Gesicht zu machen. Er muss stark sein, und er will auch stark sein. Aber da kommt sie zu ihm und sagt mit einer ganz ruhigen Stimme: »Du bist traurig, ich kann es sehen. Du willst es nicht zeigen, weil du Angst hast, aber ich kann es sehen. Das ist nicht schlimm, Hermann.« Und sie lächelt ihn an. Und jetzt fällt ihm auf, dass sie ein weites, weißes Kleid trägt, das in der Sonne glänzt. Und er ist ganz glücklich über dieses Lächeln. »Schau, es geht ganz einfach«, sagt sie und berührt den toten Vogel ganz leicht mit ihrer Hand, »Schau, es ist so leicht.« Und sie wirft den toten Körper in die Luft und er fliegt leicht und fast schwerelos davon, als wäre nie etwas gewesen. Als er sich umdreht, um nach ihr zu sehen, ist sie weg. Das Leuchten des weißen Kleides ist erloschen. Es ist dunkel. Er ist auf der Koppel und sieht, wie Janos langsam auf ihn zukommt und seinen Kopf an seine Schulter legt. Er ist erstaunt, dass das Pferd ihm so vertraut. Er spürt die Nüstern des Tiers ganz nah an seiner Wange, und der warme Atem hüllt ihn ein. Er ist erstaunt, wie friedlich dieser Moment ist. Und er hebt seine Hand, um den Kopf zu streicheln. Da sieht er, dass sie voller Blut ist, dickes rotes Blut klebt an seinen Fingern und läuft über seinen Arm. Und er sieht, wie Janos Augen starr werden und sich weiten vor Schreck. Dann reißt das Pferd seinen Kopf zurück und galoppiert davon. Er starrt auf seine Hände. Sie sind voller Blut. Er versucht, es an seiner Hose abzustreifen, aber es wird immer mehr, immer mehr, er kann es nicht stoppen. »Ich will nicht töten!«, schreit er so laut er kann und noch lauter: »Ich wollte nie töten!« Dann wacht er auf, schweißgebadet, und sein Mund ist ganz ausgetrocknet. Er tastet sich im Dunkeln in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Noch ganz benommen lehnt er am Küchenschrank und trinkt und trinkt. Aber sein Mund bleibt wie ausgedörrt.

Wenn sie sich tagsüber im Stall begegnen, hat er den Eindruck, dass sie merkt, was er denkt, wie er sie begehrt. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht hat alles, was sie sagt, eine ganz andere Bedeutung. Und er interpretiert es nur falsch. Er würde es gern herausfinden, aber er weiß nicht, wie. Manchmal kann er ihren Blick fast nicht ertragen. Vor allem nicht, wenn er mit ihr über Pferde redet. Pferde sind ihr wichtiger als Menschen, hat er manchmal den Eindruck. Und das geht ihm irgendwie auf die Nerven. Diese verwöhnten Tussis mit ihren Pferden, sagt er sich dann immer wieder. Die haben ein Leben ohne Sorgen. Die meisten kommen aus reichen Verhältnissen. Welcher Normalsterbliche kann schon 500 Euro im Monat für ein Pferd ausgeben. Er jedenfalls nicht. Vielleicht könnte er es sogar, aber er würde keine 500 Euro im Monat für einen Gaul ausgeben. Sicher nicht. Da hätte er andere Wünsche.

Und sie, sie muss anscheinend überhaupt nicht arbeiten, so oft wie sie im Stall ist. Sie kommt jeden Tag in den Stall und kümmert sich um ihr Pferd. Dass sie ein Händchen für Pferde hat, das kann sogar er sehen. Ihr Pferd läuft ihr einfach nach, bleibt einfach stehen, wenn sie sagt, bleib stehen. Das macht sonst kein Pferd im Stall. Und sie tut alles für dieses Pferd, dieses verdammte Pferd. Er merkt, dass ihn das manchmal ganz schön wütend macht. Und dann spürt er einen Hass, den er sich nicht erklären kann. Dann würde er sie am liebsten packen und wachrütteln – und auf diese verdammten Pferde losgehen.

 

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Herr Wolpryla wird nicht mehr hergestellt…

Ich sitze da und genieße meinen Capuccino wie schon lange nicht mehr. Ich weiß, er ist nicht gerade billig hier, in dem Straßencafé, das ich mir ausgesucht habe. Ich werde wohl inklusive Trinkgeld ungefähr 4 Euro liegen lassen.

Mein Indie-Thriller SPINES geht dagegen für einen durchschnittlichen deutschen Cappuccino-Preis über die Theke. Und das ist gut so. Ich liebe die Entwicklungen, die sich rund um eBooks abzeichnen, ich liebe es, dass ich als Autor es in der Hand habe – und dass die Perspektiven für den eBook-Markt ziemlich gut aussehen.

Sicher, es gibt noch viele Leser, die eBook-Reader rundweg ablehnen und auch in Zukunft das Papier beim Umblättern der Seiten in der Hand fühlen wollen. Ich selbst habe mich vor noch nicht allzu langer Zeit dazugerechnet. Aber die Verbindung zwischen Geschichten und Papier ist keine siamesische. Im Gegenteil, Geschichten waren, seid es sie gibt, eher im flüchtigen Aggregatzustand zu Hause. Sie wurden erzählt und weitererzählt – an irgendeinem Lagerfeuer, oder auf einem Marktplatz wie dem Jemma el Fna in Marrakesch. Für ein paar Münzen konnte man das Recht erwerben, sich in den Kreis der Zuhörer einzureihen.

Mit dem Buchdruck und den daraus sich ergebenden Vertriebsmöglichkeiten erhöhte sich die Verbreitungsgeschwindigkeit für Geschichten beträchtlich. Zugleich verloren die Geschichten jedoch einen Teil ihrer Freiheit. Durch eBooks wird den Geschichten diese Freiheit wieder zurückgegeben. Durch die Möglichkeiten des digitalen Direct-Publishing erreichen viele Geschichten, die es im normalen Verlagsgeschäft niemals über den Ladentisch geschafft hätten, wieder ein Publikum. Einige davon mögen nicht besonders gut sein, einige davon sind jedoch außergewöhnlich und teilweise sogar brillant. Die Entscheidung über die Qualität kann man dabei durchaus jedem einzelnen Leser überlassen.

Einige meiner Freunde und Bekannten versuchen meine eBook-Begeisterung gelegentlich durch den Einwand, die elektronische Speicherung berge ein Risiko des Verlusts unserer gesamten Kultur, einzubremsen. Aber für mich ist die Flüchtigkeit der elektronischen Speicherung – wenn es denn wirklich so sein sollte – kein Nachteil. Ich habe eher das Gefühl, diese Form der Aufbewahrung von Geschichten in der “Cloud”, entspricht dem Wesen des Geschichtenerzählens mehr, als die Speicherung nach der Methode Gutenberg.

Poetisch übertrieben ausgedrückt, nähern sich die Geschichten dadurch dem Fluss der Worte des Geschichtenerzählers an, dessen Stimme mit dem Sonnenuntergang leiser wird, mit dem Fortschreiten der Nacht zu einem nur noch für wenige hörbaren Murmeln verebbt und sich mit dem Morgen wieder erhebt, um den Tag zu begrüßen. Und all das zu einem Preis, zu dem auch auf dem Jemma el Fna in Marrakesch schon immer eine Geschichte zu haben war.

Papier und Geschichten haben nicht viel miteinander zu tun. Genauso wenig, wie die Dinge und Leistungen, die wir gegen Geld erwerben, mit dem Papier zu tun haben auf dem der Geldwert gedruckt ist. Und ich habe es auch noch nie genossen, Geldscheine in der Hand zu halten. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich manchmal sogar eher ein Gefühl der Abneigung dabei.

Die Gedanken sind frei, sollten es zumindest sein, Geschichten sind frei. Und die elektronische Verteilungsform ist dieser Freiheit viel mehr angemessen, als es das Papier war, die Schwere des Papiers. Geld ist Papier, Bücher sind Papier. Aber wie lange noch?

Herr Wolpryla wurde hier einmal hergestellt. Aber das ist vorbei. Heute kennt man ihn noch unter dem Namen Polyacrylnitril. Und die Fabriken, in denen er gefertigt wird, sind moderner geworden. Es wird jedoch sicher eine Zukunft geben, in der Herr Wolpryla seinen Herstellungszyklus beendet hat. Und so ähnlich wie Herrn Wolpryla, dessen Namen kaum noch jemand kennt, wird es sicher irgendwann auch mal den guten alten Büchern ergehen. Und ich finde, es ist nicht wirklich schade um das Papier. Johannes Gutenberg war nur eine Durchgangsphase des Geschichtenerzählens. Eine Etappe auf dem Verbreitungsweg. Wir hängen nur so daran, weil wir dazu tendieren, das Alte, das Bewährte, für das Gute zu halten. Ein sehr erfolgreiches Warenhaus lebt ziemlich gut von dieser Nostalgie. “Es gibt sie noch, die guten alten Dinge…”, heißt der entsprechende Slogan.

Aber Geschichten sind nicht dafür bestimmt, in Regalen und Bücherwänden zu stehen und einzustauben. Schon eher sind sie dafür gemacht, in der “Cloud” frei den Raum zu erfüllen und den Erdball zu umkreisen. Und so, wie ich mir immer wieder einen neuen Cappuccino bestellen kann, zumindest solange es so etwas wie Cafés und Restaurants gibt, so kann ich mir auch immer wieder eine Geschichte aus der “Cloud” fischen und auf meinem eBook Reader oder Tablet genießen.

Leseprobe SPINES

Christian Schneider stand an der riesigen Fensterfront seines Arbeitszimmers im obersten Stock des Innenministeriums und blickte über die Dächer Berlins. Es war 6:25 Uhr. Die Silhouette der Stadt schälte sich langsam aus dem Morgenlicht.

Welches Schicksal würde dieses Berlin wohl haben, in den bevorstehenden Jahrzehnten? Die Vergangenheit war nicht gerade zimperlich mit der Stadt umgesprungen. Die Narben, die davon zeugten, konnte Christian Schneider auch jetzt noch, zwei Jahrzehnte nach Vollendung der Einheit, deutlich ausmachen.

Wenn er den Blick über Spreebogen, Regierungsviertel und Brandenburger Tor hinaus über Berlin Mitte schweifen ließ, konnte er den Verlauf der Mauer und des Todesstreifens immer noch nachvollziehen. Die großen Brachflächen, die die Bomben der Alliierten in die Berliner Stadtmitte gerissen hatten, waren noch in weiten Teilen unbebaut oder ätzten sich durch ihre hässliche Architektur schmerzhaft ins Blickfeld. Und dazu gehörten leider auch die Neubauten im »Nirwana« des Regierungsviertels. Wenn er ehrlich war, fand er sie zum Kotzen. Sein Ministerium am Spreebogen, das an ein Doppelschiff erinnerte, war im Vergleich dazu ein elegantes Gebäude, eingebettet in ein gewachsenes Stadtviertel. Um ihn herum gab es in einem aufwendig renovierten Innenhof alles, was er brauchte. Er schätzte die Restaurants in dem lang gestreckten Hallengebäude neben dem Ministerium, den Italiener Scusi oder die Alte Meierei mit ihrem hellen Gewölbe. Und auch jenseits des Innenhofs gab es normales Leben.

Seit er Innenminister war, hatte er sich der strengen Amtsdisziplin immer wieder mal entzogen und war alleine draußen Spazieren gegangen, durch den Park gegenüber oder die Alte Moabiter entlang, vorbei an der Vollzugsanstalt ins Regierungsviertel hinüber. Dabei hatte er gern in einem der vielen Cafés Zwischenstation gemacht, um einen Cappuccino zu trinken. Aber seit er vor fünf Wochen nach einem Besuch in seinem Lieblingsrestaurant bedroht worden war, hatte er den Innenhof des Ministeriums nur noch in der gepanzerten Limousine verlassen. Zu groß war seine Angst, dass jemand im Dunkeln draußen auf ihn lauern könnte.

Als in den Medien kontrovers diskutierter Politiker bekam er täglich jede Menge Briefe und E-Mails. Und gelegentlich enthielten diese Briefe auch Drohungen und Beschimpfungen. Die meisten davon konnte man glücklicherweise gleich beim ersten Lesen als harmlos einstufen.

Ganz anders verhielt es sich aber mit einer Reihe von Briefen, die er seit Monaten mit absoluter Regelmäßigkeit erhielt. Sei waren alle von der gleichen Machart und eindeutig vom selben Absender. Und sie waren gefährlich, das spürte er sofort.

Der Schreiber behauptete, ihn von früher zu kennen. Ende der 70er hätten sie zusammen öfter Schach gespielt. Und die Details, die er in diesem Zusammenhang andeutete, stimmten alle. Er musste zumindest einmal im Café Voltaire gewesen sein. Dort hatte Schneider jeden Samstag und Sonntag die späten Vormittage mit Frühstücken und Schachspielen verbracht. Aber Schneider konnte sich, so sehr er auch nachdachte, an niemanden erinnern, der zu den Briefen gepasst hätte.

Wenige Tage, nachdem er den dritten Drohbrief erhalten hatte, stand der Schreiber plötzlich vor ihm. Er hatte gerade das Restaurant verlassen, in dem er zu Abend gegessen hatte, und war auf dem Weg zu seinem Wagen, als ihm ein Mann auffiel, der ihm auf der anderen Straßenseite mit kurzen schnellen Schritten folgte. Der Gehstil des Mannes war ihm sofort aufgefallen, manchmal betont langsam Schritt für Schritt und dann wieder eine hektische, fast gerannte Passage dazwischen geschaltet. Hypernervös und irritierend.

Plötzlich war der Mann verschwunden. Und genauso plötzlich, wie er verschwunden war, tauchte er unmittelbar neben ihm wieder auf, als er seinen Wagen erreicht hatte und die Autotür öffnete. Er spürte den Atem des Mannes auf seiner Wange, so nah stand er neben ihm. Und jetzt strahlte er nicht mehr die geringste Hektik aus, sondern wirkte vollkommen ruhig, ohne jeden Hauch von Nervosität.

Christian Schneider bekam Angst. Jetzt bereute er, dass er seine Personenschützer für den Abend nach Hause geschickt hatte.

»Bist dir wohl zu gut, um mir zu antworten?«, hatte ihn der Mann gefragt und, ohne eine Antwort abzuwarten, weiter gesprochen. »Hast wohl alles vergessen, was wir zusammen erlebt haben? Und was ich für dich getan habe? Kann es sein, kann es wirklich sein, dass dir das jetzt alles egal ist? Hältst du das alles jetzt für Scheiße, nur weil du jede Menge Kohle kriegst und so eine schicke Karre hier fahren kannst? Ist dir das mehr wert als alles, woran wir geglaubt haben? Ist dir das wirklich mehr wert?«

Schneider hatte das Gesicht des Mannes im Halbdunkel angestarrt und versucht, seinen Gegner einzuschätzen. Er wirkte gut zehn bis fünfzehn Jahre jünger als er selbst. Unwahrscheinlich, dass sie zusammen einen Teil ihrer Jugend verbracht hatten. Und außerdem konnte er auch mit größter Anstrengung keinen bekannten Zug in diesem Gesicht neben sich erkennen.

»Ich weiß nicht, wer Sie sind, ich kenne Sie nicht? Ich wüsste nicht, wo wir uns schon mal gesehen haben«, hatte er brüsk geantwortet, wobei er sich Mühe gegeben hatte, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen.

»Erinnerst du dich nicht, wir haben zusammen Schach gespielt, im Café Voltaire, immer sonntags, beim Frühstück?! Ich hab meinen Arsch für dich hingehalten, bei den Bullen, und du willst mich nicht mehr kennen, reagierst nicht auf meine Briefe?«

»Es tut mir leid, aber ich kenne Sie wirklich nicht!«, hatte er, inzwischen etwas genervt, in seiner schnoddrigen herrischen Art geantwortet. In der Hoffnung, dass dieser Ton den Wind aus den Segeln dieses Irren nehmen würde.

»Klar, das passt! Natürlich kennst du mich nicht mehr, natürlich willst du nichts mehr von früher wissen. Es ist immer schlecht, die Wahrheit zu hören, wenn man so ein Heuchler ist wie du. Ich dacht’ mir, das gibt’s nicht, ich fass es nicht, das kann nicht sein, Innenminister, der, der immer gegen Polizei und Staatsmacht war, buchtet jetzt ein und lässt Leute wie mich bespitzeln!? Das kann nicht sein, das kann einfach nicht sein. Aber es ist so.« Der Mann kam mit seinem Gesicht noch näher an Schneiders Wange, sodass seine Lippen fast sein Ohr berührten und sagte ganz leise und entspannt: »Ich sag dir was. Du denkst, dass du damit durchkommst, du denkst… Aber ich sag dir, es ist nicht so. Ich kenn jetzt dein Gesicht. Und ich schau in dich hinein, schau durch deine Haut wie durch Glas.« Er machte eine lange Pause und fuhr dann mit erhobener Stimme fort: »Wenn ihr diese Leute kennt, dann nehmt euch in Acht vor ihnen, sie sind die Zerstörer von all dem, was klar ist und ohne Lüge. Und habt keine Angst, sie daran zu hindern.« Mit diesem Satz, der wie ein Zitat klang, war der Unbekannte einen Schritt zurück getreten und hatte die Autotür wieder frei gegeben. »Wir sehen uns, bis bald!«

Auf der Nachhausefahrt über die Stadtautobahn hatte Christian Schneider sich den Kopf zermartert, wo er dieses Gesicht schon einmal gesehen haben könnte. Aber »no match«, er hatte dieses Gesicht definitiv noch nicht gesehen. Aber woher wusste der Mann dann so gut Bescheid über seine Gewohnheiten in der Berliner Studentenzeit? Er war über Details informiert, die nur jemand wissen konnte, der ihn in dieser Zeit wirklich gekannt hatte. Und das gab ihm zu denken. Denn wenn es dem BKA oder dem Verfassungsschutz gelang, den Absender der Briefe zu finden, konnte dies jede Menge Ärger bedeuten. Oder vielleicht hatte man den Typen auf ihn angesetzt, um ihn abzusägen? Vielleicht steckte hinter dem Ganzen ja Joachim Becker, der Leiter des Verfassungsschutzes? Becker hasste ihn. Als Erzkonservativer hielt er es für einen Skandal, dass jemand wie er, der als junger Mann in der linken Szene aktiv gewesen war, Innenminister hatte werden können. Und Becker würde vor nichts zurückschrecken, um ihn aus dem Amt zu intrigieren, auch nicht vor so einer erbärmlichen Inszenierung. Er musste in den nächsten Wochen auf alle Fälle verdammt aufpassen, was er sagte und tat. Das war mit Sicherheit vermintes Gelände. Am besten würde es sein, wenn er nichts mehr darüber weitergab. Und auch die Briefe würde er ab sofort nicht mehr ans BKA weiterleiten.

Inzwischen war es hell geworden über der Stadt. Keine zwei Stunden mehr bis zum Beginn des hektischen Tagesgeschäfts. Nur zu gern hätte er die Zeit angehalten, um diesen Moment hinauszuzögern. Er war nicht mehr der zupackende Politiker von früher. Wenn er ehrlich zu sich war, musste er eingestehen, dass er in einem Winkel seiner Seele angefangen hatte zu zweifeln. Deshalb ließ er sich seit einigen Monaten jeden Morgen schon zwischen fünf und sechs von der Fahrbereitschaft ins Ministerium bringen. Er brauchte diese Zeit, um sich ungestört auf den Tag vorzubereiten, um die Kraft zu finden.

Draußen zeigte sich jetzt das raue Gesicht Berlins. Es war eine Stadt ohne viel Make-up, aber mit einem ganz eigenen Charme…

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Eine Republik der Schlaflosen?

Seit einiger Zeit fällt mir auf, dass meine Kunden nachtaktiv sind. Die Verkäufe meines Thrillers SPINES steigen ab Mitternacht stark an. Wenn alle Geschäfte längst geschlossen sind, gehen Leser und Internet-Junkies auf Shopping-Tour. Alle Überlegungen zum Ladenschluss sind hinfällig. Das Internet und der eBook-Laden von Amazon sind immer geöffnet. Müssen wir uns Sorgen machen? Sind iPad, iPhone und alle konkurrierenden Tablets zu unseren bevorzugten Bettgenossen geworden? Bringen sie Schwung in unser Nachtleben, spenden sie Trost, wenn wir von unseren Streifzügen durch die Nacht zurückkommen ?

Ich weiß, all die Delis und Nachtshops dieser Welt, ob in New York, in London oder in Hongkong haben ein ganz eigenes Flair. Allein die Stunden in denen sie ihr Hauptgeschäft machen, verleihen ihnen eine geheimnisvolle Aura, eine Aura, die der eines Krimis oder Thrillers gleicht. Sie wirken, als könnten sie eine Eintrittspforte sein, für das Übernatürliche, für das Verbrechen. Kaum vorstellbar, dass es sich beim Betreiber eines solchen Shops um einen Normalo handelt. Sein Leben ist garantiert eines außerhalb jeder Norm. 20 Jahre San Quentin liegen hinter ihm oder auch vor ihm. Oder er verbringt sechs Stunden täglich in einer Box Fabrik und hat eine direkte Pipeline zu russischen Wachstumshormonen, mindestens, wenn nicht mehr. Der mächtige 36-jährige, der sich neben uns eine Dose zuckerfreies Red Bull und eine Tüte Kartoffelchips aus dem spärlich beleuchteten Regal fischt, ist garantiert kein vom TV-Dauerkonsum erschöpfter Buchhalter, sondern ein durchtrainierter Catcher, der Jahre in der amerikanischen Profi Liga unterwegs war – oder zumindest ein hardboiled Streetworker, der den verrohten Kids in den Vororten zeigt, wo’s langgeht.

Genau dann, wenn die Night-Delis ihre Hochzeit haben, ist anscheinend auch die Zeit, im Internet auf die Jagd nach dem Ungewöhnlichen zu gehen. Denn nirgendwo im realen Leben warten vergleichbare Überraschungen auf uns. Und es ist eben der Catcher, der neben uns in einem Night-Deli mit seinen beeindruckend tätowierten Armen einen Six-Pack Orangenlimo auf die Kassentheke hebt, der im Internet eine Seite hat, auf der er uns in Wort und Bild einen Einblick in sein aufregenden Leben erlaubt – und uns Tattoos an Stellen zeigt, die er im wirklichen Leben niemals vor einem Fremden entblößen würde. Und vielleicht finden wir auf dieser Homepage auch den Link zu seiner Biographie im Amazon Kindle Shop, und während wir dort stöbern, stolpern wir per Zufall auch auf einige dieser interessanten neuen Indie-Romane, -Krimis und -Thriller, die Tag für Tag online gestellt werden. Also saugen wir uns einen davon runter und hoffen, dass er uns nicht einschlafen lässt und die Schatten der Nacht vertreibt oder erweckt.

Hilfe, ich werde geholfen!

Manchmal kann Hilfe ganz schön zum Problem werden – auch wenn jeder sein Bestes gibt. Da wird der Helfer schon mal zum Hilflosen. Und selbstlos ist Hilfe nur selten. Mit einer Ausnahme vielleicht: wenn Carsten Maschmeyer die riesigen Schecks für die Kinderhilfe in die Kameras hält. “Tu Gutes und rede darüber”, ein Motto, das einem Leben Flügel verleihen kann.

“Heute ein Schälchen warme Milch – morgen verhungert”, heisst es im Zusammenhang mit Igeln. “Gut gemeinte Hilfe führt oft zum Gegenteil: Das Tier wird aus seiner natürlichen Umgebung heraus gerissen und kann bleibende Schäden davon tragen.”

Das muss der Zuschauer bei der Komödie “Hilfe, ich werde geholfen!” nicht befürchten. Der Abend erheitert und läßt keine bleibenden Schäden zurück.

 

Spines – Indie Thriller bei Amazon

Ein ungewöhnlicher Science Thriller, der die Grenzen des Genre ausreizt.

Synopsis:

Der Berliner Biotech-Firma Gene Design Technologies ist es gelungen, den Code des Bewusstseins zu entschlüsseln. In Experimenten mit freiwilligen Probanden arbeiten die Neurophysiologen der Firma an der Entwicklung von Techniken zur gezielten Beeinflussung von Bewusstseinsinhalten. Als eine der Versuchspersonen in eine Psychose abgleitet und zum Mörder wird und kurz darauf Dr. Langer, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter von Gene Design Technologies, unter mysteriösen Umständen zu Tode kommt, wird deutlich, dass es nicht nur wirtschaftliche Interessen sein können, die Gene Design Technologies antreiben. Dr. Langers Tochter Sarah und Paul Mrozek, Wissenschaftler am Institut für Neurobiologie der Freien Universität Berlin, versuchen herauszufinden, was wirklich hinter den skrupellosen Experimenten von Gene Design Technologies steckt und warum Dr. Langer sterben musste. Inzwischen ist eine weitere Versuchsperson aus dem Programm vom Gene Design Technologies als tickende Zeitbombe in Berlin unterwegs. Wird es Sarah und Paul gelingen, den Wahnsinn zu stoppen? Ein Horrortrip durch Berlin beginnt.

 

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www.spines-web.de

 

 

 

 

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