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“Totenfeld” – Leseprobe

Er liegt wach neben seiner Frau und kann nicht schlafen. Aber er passt auf, dass sie nichts merkt davon. Er kann nicht aufhören, an sie zu denken. Seit sie im Stall ist, geht das so. Er fragt sich, warum das so ist, aber er weiß keine Antwort. Irgendwas an ihr zieht ihn an. Er kann nicht sagen, was es ist, aber es lässt ihn nicht los.

Wenn er nachts so wach liegt, ertappt er sich dabei, dass er mit ihr redet. Stundenlang erzählt er ihr von sich, von seiner Angst, von seinen Gefühlen. Er ist selbst überrascht davon, was ihm dann in den Kopf kommt. Fast kommt es ihm vor, als wäre das nicht seine Stimme. Als wäre es ein anderer, der da in ihm spricht. Es macht ihm Angst, was diese Stimme sagt. Und auch die Bilder, die vor ihm auftauchen, machen ihm Angst.

Er spürt, dass sie weich ist, zart. Auch so ein Wort, dass ihm eigentlich fremd ist. Und er stellt sich vor, wie sie seiner Kraft nachgibt, wenn er sie umklammert.

Wenn er endlich einschlafen kann, ist es oft schon Morgen. Und dann träumt er von ihr. Auch heute hat er wieder von ihr geträumt. Im Traum hat er auf einen großen, schwarzen Vogel geschossen, der über ihm unter einer hellen Wolkendecke Richtung Fluss fliegt. Den triffst du nie aus der Entfernung, sagt er sich, bevor er abdrückt. Und als dann der Vogel wie ein Stein aus dem Himmel fällt, schnürt es ihm die Brust zu, so erschrocken ist er, und so schuldig fühlt er sich. Aber er will sich nichts anmerken lassen und lacht und versucht, ein ganz gleichgültiges Gesicht zu machen. Er muss stark sein, und er will auch stark sein. Aber da kommt sie zu ihm und sagt mit einer ganz ruhigen Stimme: »Du bist traurig, ich kann es sehen. Du willst es nicht zeigen, weil du Angst hast, aber ich kann es sehen. Das ist nicht schlimm, Hermann.« Und sie lächelt ihn an. Und jetzt fällt ihm auf, dass sie ein weites, weißes Kleid trägt, das in der Sonne glänzt. Und er ist ganz glücklich über dieses Lächeln. »Schau, es geht ganz einfach«, sagt sie und berührt den toten Vogel ganz leicht mit ihrer Hand, »Schau, es ist so leicht.« Und sie wirft den toten Körper in die Luft und er fliegt leicht und fast schwerelos davon, als wäre nie etwas gewesen. Als er sich umdreht, um nach ihr zu sehen, ist sie weg. Das Leuchten des weißen Kleides ist erloschen. Es ist dunkel. Er ist auf der Koppel und sieht, wie Janos langsam auf ihn zukommt und seinen Kopf an seine Schulter legt. Er ist erstaunt, dass das Pferd ihm so vertraut. Er spürt die Nüstern des Tiers ganz nah an seiner Wange, und der warme Atem hüllt ihn ein. Er ist erstaunt, wie friedlich dieser Moment ist. Und er hebt seine Hand, um den Kopf zu streicheln. Da sieht er, dass sie voller Blut ist, dickes rotes Blut klebt an seinen Fingern und läuft über seinen Arm. Und er sieht, wie Janos Augen starr werden und sich weiten vor Schreck. Dann reißt das Pferd seinen Kopf zurück und galoppiert davon. Er starrt auf seine Hände. Sie sind voller Blut. Er versucht, es an seiner Hose abzustreifen, aber es wird immer mehr, immer mehr, er kann es nicht stoppen. »Ich will nicht töten!«, schreit er so laut er kann und noch lauter: »Ich wollte nie töten!« Dann wacht er auf, schweißgebadet, und sein Mund ist ganz ausgetrocknet. Er tastet sich im Dunkeln in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Noch ganz benommen lehnt er am Küchenschrank und trinkt und trinkt. Aber sein Mund bleibt wie ausgedörrt.

Wenn sie sich tagsüber im Stall begegnen, hat er den Eindruck, dass sie merkt, was er denkt, wie er sie begehrt. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht hat alles, was sie sagt, eine ganz andere Bedeutung. Und er interpretiert es nur falsch. Er würde es gern herausfinden, aber er weiß nicht, wie. Manchmal kann er ihren Blick fast nicht ertragen. Vor allem nicht, wenn er mit ihr über Pferde redet. Pferde sind ihr wichtiger als Menschen, hat er manchmal den Eindruck. Und das geht ihm irgendwie auf die Nerven. Diese verwöhnten Tussis mit ihren Pferden, sagt er sich dann immer wieder. Die haben ein Leben ohne Sorgen. Die meisten kommen aus reichen Verhältnissen. Welcher Normalsterbliche kann schon 500 Euro im Monat für ein Pferd ausgeben. Er jedenfalls nicht. Vielleicht könnte er es sogar, aber er würde keine 500 Euro im Monat für einen Gaul ausgeben. Sicher nicht. Da hätte er andere Wünsche.

Und sie, sie muss anscheinend überhaupt nicht arbeiten, so oft wie sie im Stall ist. Sie kommt jeden Tag in den Stall und kümmert sich um ihr Pferd. Dass sie ein Händchen für Pferde hat, das kann sogar er sehen. Ihr Pferd läuft ihr einfach nach, bleibt einfach stehen, wenn sie sagt, bleib stehen. Das macht sonst kein Pferd im Stall. Und sie tut alles für dieses Pferd, dieses verdammte Pferd. Er merkt, dass ihn das manchmal ganz schön wütend macht. Und dann spürt er einen Hass, den er sich nicht erklären kann. Dann würde er sie am liebsten packen und wachrütteln – und auf diese verdammten Pferde losgehen.

 

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