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Leseprobe: Cabrios

 

 
 
 
 

Als ihn Barbara im Morgengrauen gutgelaunt und mit dem Slogan, »Morgenstund hat Gold im Mund«, weckte, fühlte er sich total gerädert und konnte sich im ersten Augenblick beim besten Willen nicht vorstellen, dass seine Beine ihn auch nur zwei Schritte weit tragen würden.

Barbara hatte den Abschleppwagen schon startklar gemacht und ein Frühstück für unterwegs vorbereitet. »Wenn du zu schwach zum Einsteigen bist, kann ich dich auch an den Haken nehmen«, scherzte sie, als sie sah, wie Andy sich abmühte, ein Bein vor das andere zu setzen.

Andy war froh, als er sich auf den Beifahrersitz gehievt hatte und wieder in Schlummermodus schalten konnte. Das gleichmäßige Brummen tat ein Übriges. Er verdöste einen Großteil der Fahrt und wurde erst wieder munter, als die Landschaft allmählich anfing, hügeliger zu werden und die Frequenz von Wanderern, Mountainbikern und Duracell-Opis auf italienischen Rennrädern unaufhaltsam zunahm. Fast im Minutentakt wurden sie von schicken Cabrios und Autos, deren Dächer mit den unterschiedlichsten Sportgeräten bepackt waren, überholt. Nicht nur einmal streckte sich ihnen dabei die berühmte Faust mit dem Stinkefinger entgegen, weil die meisten den Abschleppwagen als provozierendes Verkehrshindernis empfanden.

»Wir haben Glück, optimales Cabriowetter, könnte gar nicht besser sein«, bemerkte Barbara gutgelaunt und steuerte den Abschleppwagen auf den Parkplatz vor einem großen Ausflugsrestaurant. »Schauen wir doch mal, was so alles im Angebot ist!« Damit stieg sie aus und schlenderte mit strahlenden Augen über den Parkplatz – gefolgt von Andy, dessen Lebensgeister langsam wieder erwachten.

»Siehst du, was ich da sehe«, frohlockte Barbara plötzlich und steuerte auf ein wunderschönes, silbernes Mercedes 300 SL Roadster Cabriolet mit roten Ledersitzen, cremefarbenem Lenkrad und schwarzem Verdeck zu.

»Riech mal, das Leder!«, beugte sich Barbara über den Wagen und saugte die Luft in tiefen Zügen ein. »Baujahr 1960, tippe ich, das war einfach noch erste Qualität damals. Classic Silber, rote Innenausstattung. Das ist genau das, was ich schon lange gesucht habe. Der passt perfekt in meine Sammlung!«

Sie drehte eine Runde um den Roadster und taxierte ihn mit Kennerblick. »Da wollen wir doch mal dran bleiben!« Mit diesen Worten bückte sie sich und platzierte mit einer routinierten Handbewegung eine kleine graue Box am Unterboden des Fahrzeugs. »Fahrradhandschuhe auf der Mittelkonsole, Adidas Sonnenbrille, Trinkflasche. Das ist bestimmt ein Mountainbiker auf Tour. Da könnte was gehen!«

Zurück im Abschleppwagen, holte Babara ein Smartphone aus dem Handschuhfach, legte es neben sich auf die Mittelkonsole und startete eine Navigationsanwendung. Andy staunte. Nie und nimmer hätte er bei Barbara ein derartiges elektronischen Gerät erwartet.

Nur wenige Sekunden später tauchte ein roter Punkt auf dem Navigationsbildschirm auf und begann in regelmäßigen Abständen zu blinken. »Bingo! Jetzt müssen wir nur noch warten, bis der Herr mit dem Frühstück fertig ist«, stellte Barbara zufrieden fest und griff nach der Thermosflasche mit dem Kaffee, die sie hinter dem Fahrersitz verstaut hatte. »Apropos Frühstück. Willst du auch eine Tasse von dem braunen Nass?«

Andy war unfähig, zu antworten. Er war immer noch damit beschäftigt, zu verarbeiten, was er gerade gesehen hatte. Und seine Synapsen, die mit der Aufgabe, die Erlebnisse des vergangenen Abends und die aktuelle Situation miteinander in Einklang zu bringen, überlastet waren, schafften es nicht, angemessen auf diese profane zusätzliche Anforderung zu reagieren. »Ich weiß nicht, ich denke … nein, im Moment nicht … oder doch?«, stammelte er abwesend.

»Na, dann denk mal weiter nach. Und halt inzwischen mal meine Tasse! Ich muss mir das Cabrio noch mal genauer anschauen.« Damit stieg sie aus, schlenderte unauffällig über den Parkplatz, und inspizierte den Mercedes noch einmal aus der Nähe. Andy konnte aus der Entfernung nicht genau sehen, was sie machte, fand es jedoch ziemlich auffällig wie sie sich über das Auto beugte und den Innenraum genau in Augenschein nahm. Andererseits, bei einem Oldtimer wie diesem, kam das sicher jeden Tag vor. Ein Auto wie dieser Mercedes erregte überall Aufsehen.

Plötzlich brach Barbara ihre Inspektion des Cabrios ab und kam mit schnellen Schritten zurück. Mit den Worten, »es ist soweit, da hinten kommt unser Biker«, hievte sie sich auf den Fahrersitz und betätigte den Anlasser.

Andy sah aus dem Fenster. Barbara hatte sich nicht getäuscht. Der Fahrer des Cabrios tänzelte mit federnden Schritten über den Parkplatz auf sein Auto zu. In der rechten Hand das Vorderrad seines Bikes, das er mit zum Frühstück genommen hatte, um Dieben keine Chance zu geben.

Als er das Cabrio erreicht hatte, umrundete er das Fahrzeug mit einem prüfenden Blick. Erst danach platzierte er das Mountainbikerad mit elegantem Schwung auf dem Beifahrersitz und setzte sich hinter das Steuer. Bevor er den Motor startete, warf er noch einen Blick in den Rückspiegel, strich sich durch die grauen Haare und drapierte eine Ray Ban Sonnenbrille auf die Nase.

Barbara beobachtete die Prozedur mit einem amüsierten Lächeln und nutzte die Zeit für ein paar Schlucke Kaffee. »Ein wunderschönes Cabrio, findest du nicht auch?«, wandte sie sich an Andy, dessen Synapsen langsam wieder auf Kurs kamen. »Schau dir diese elegante Seitenlinie an, und diese Farbkombination! Grandios! Aber leider in den falschen Händen. Aber na ja, vielleicht ändert sich daran ja noch was.« Damit manövrierte Sie den Abschleppwagen Richtung Parkplatzausfahrt und folgte dem Roadster.

Der Abschleppwagen war nicht schnell genug. Es dauerte nicht lange und sie hatten den Sichtkontakt zu dem Mercedes verloren. Aber der rote Punkt auf dem Bildschirm des Navi zeigte Ihnen, dass sie noch dran waren. »Wir haben es nicht eilig. Ich kann mir schon vorstellen, was er vorhat. Er will sicher die Tour auf den Drachenkopf machen. Das ist hier die beliebteste Strecke für Mountainbiker, die glauben, dass sie’s draufhaben. Keine einfache Tour. Da kommt es entscheidend darauf an, was man in der Trinkflasche hat. Ohne eine optimale Versorgung mit Mineralien kommt man da schnell an seine Grenzen. Wenn wir sicher sind, dass er die Tour macht, dann können wir für ein paar Stunden schwimmen gehen, bis er mit der Runde fertig ist.«

Mit der Entwicklung ihres Ausflugs äußerst zufrieden, lehnte Barbara sich zurück und fing an, die Melodie von Wind of Change von den Scorpions vor sich hin zu pfeifen. Die wütenden Autofahrer, die den Abschleppwagen als Verkehrshindernis betrachteten, brachten sie nicht im Geringsten aus der Ruhe. Und auch Andy hatte sich mittlerweile an das Hupen und die wütenden Gesten gewöhnt, sie gehörten dazu, wie das Panorama und der Löwenzahn auf den Wiesen.

Plötzlich hörte der rote Punkt auf dem Navigationsbildschirm auf, sich zu bewegen. »Wie ich vermutet hab, er macht die Drachenkopftour und steht jetzt dort auf dem Parkplatz«, stellte Barbara zufrieden fest. »Das heißt für uns, dass wir jetzt ein paar Stunden Zeit haben. Ich kenn da einen Badesee in der Gegend. Dort können wir uns in den Schatten legen und ein paar Meter schwimmen. Und wenn du Lust hast, können wir auch eine Runde Federball spielen. Ich hab Schläger im Auto.«

* * *

Der Nachmittag am See verging im Flug. Barbara hatte beste Laune, und Andy, der als Berliner Plattenbaukind Tätigkeiten wie Schwimmen und Federballspielen nur in Ausnahmefällen absolvierte, fand mehr und mehr Gefallen an dieser Art der Freizeitbeschäftigung.

Erst kurz vor Einbruch der Dämmerung gingen sie zum Auto zurück und machten sich auf den Weg zum Drachenkopfparkplatz. Als sie in den Parkplatz einbogen, war er bis auf zwei Fahrzeuge völlig verlassen. Ganz am hinteren Ende des Platzes stand neben einer überquellenden Mülltonne das Mercedes Cabriolet. Barbara brachte den Abschleppwagen direkt neben dem Cabrio zum stehen und stieg aus. Andy folgte ihr.

»Hm, das Cabrio steht immer noch hier«, meinte sie besorgt und strich liebevoll über die Motorhaube des Fahrzeugs. »Das ist kein gutes Zeichen. Hoffentlich ist nichts passiert. Mountainbiken ist nicht ganz ungefährlich. Ich denke, wir sollten mal nach ihm schauen.« Damit schlenderte sie über den Parkplatz und bog in den Wanderweg ein. Andy folgte ihr.

Nachdem sie ein paar hundert Meter bergauf gegangen waren, erreichten sie eine Abzweigung, an der, unmittelbar neben einem steilen Abhang, ein schmaler Pfad von oben kommend in den Wanderweg einmündete. Barbara blieb stehen und sah sich um. »Das ist die gefährlichste Stelle der ganzen Tour. Hier sind die meisten Biker von der Tour erschöpft und froh, endlich den Wanderweg erreicht zu haben. Und in dem Moment passieren dann die Fehler. Und dummerweise ist genau hier dieser Abhang, der nicht den kleinsten Fehler verzeiht.«

Barbara zog eine Taschenlampe aus ihrer Jacke und leuchtete den Fuß des Abhangs ab. Plötzlich blitzte im Lichtkegel ein verbeultes Mountainbike auf. Und ein paar Meter weiter lag der Fahrer auf dem Rücken und reckte seine bizarr verdrehten Beine in die Luft. »Okay, wir haben ihn. Du bleibst am Besten hier und hältst die Stellung. Ich hol ein Seil aus dem Auto, weil ohne Seil kriegen wir den da unten nicht raus.« Damit drückte sie Andy die Taschenlampe in die Hand und machte sich auf den Weg zum Parkplatz zurück.

Die Sonne war mittlerweile vollständig hinter dem Horizont verschwunden. Bis auf eine schmale Mondsichel und ein paar Sterne war es dunkel. Andy wurde zunehmend mulmiger zumute. Auf was zum Teufel hatte er sich da eingelassen. Barbara war vollkommen durchgeknallt. Was sie da machte war der pure Wahnsinn und konnte sie beide für Jahre ins Gefängnis bringen. Das Ganze war auf gar keinen Fall ein Zufall, das hatte System. Woher zum Teufel wusste sie, dass der Biker hier abstürzen würde? Hatte sie vielleicht Helfer? Oder hatte sie dem Biker auf dem Parkplatz Gift oder ein Betäubungsmittel in die Trinkflasche gekippt? Er musste ihr unbedingt sagen, dass er damit auf gar keinen Fall etwas zu tun haben wollte.

Als Barbara nach zirka zwanzig Minuten mit dem Seil zurückkam, machte sie Andys ohnehin geringe Hoffnung, dass alles ein Zufall sein könnte, vollends zunichte. Die Routine, mit der sie bei der Bergung des verunfallten Bikers zu Werke ging, machte deutlich, dass sie das ganz bestimmt nicht zu ersten Mal machte. Es dauerte keine zehn Minuten, dann lagen Biker und Mountainbike nebeneinander auf dem Wanderweg. Und weitere fünf Minuten später hatte sie den Tod des Bedauernswerten festgestellt und seine Leiche auf dem Bike verschnürt, so dass sie ihn ohne allzu viel Kraftaufwand zum Parkplatz schaffen konnten. Dort verstauten sie die Leiche im Kofferraum des Mercedes Cabriolets. Das ramponierte Bike verschwand in der Blechkiste hinter dem Führerhaus des Abschleppwagens.

Mit ihrem Werk zufrieden, schloss Barbara den Kofferraum ab und drückte Andy den Cabrioschlüssel in die Hand. »Okay, ich fahr jetzt noch den Abschleppwagen auf einen Parkplatz ein paar Hundert Meter weit von hier. Dann komm ich zurück und wir machen die Fliege. Den ‚Gelben‘ hol ich dann morgen oder übermorgen ab.« Damit ließ sie Andy zum zweiten Mal allein im Dunkeln zurück.

 

 

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