Die Fremde in mir – Leseprobe

 

 

Prolog – Die Mission

Liberté.

Ich hatte mir das Wort in Ornamentschrift auf den Nacken tätowieren lassen. In einem Fonts, der als Angel Tears bezeichnet wird und ursprünglich von Billy Argel entwickelt wurde, irgendeinem Typen im Internet, der an Schriftfonts herumbastelt. Wenn es stimmt, was der Tätowierer mir darüber erzählt hatte, während er seine Nadel nicht weit von meinem Ohr surren ließ. Wenn ich die Haare nach oben steckte, konnte jeder es sehen. ›Liberté‹, Freiheit. Das war der Begriff, unter dem meine Mission stand. Ich war entschlossen, meine Freiheit wieder zu erlangen. Dafür war ich zu allem bereit.

Es gibt Dinge im Leben, von denen kann man sich nur durch radikale Einschnitte befreien. Manchmal nur durch den eigenen Tod oder durch den Tod eines anderen. Es gibt Unkraut im Garten der Seele, das man mit all seinen Wurzeln ausreißen muss, damit man die Blüte der Freiheit erleben kann. Es gibt kein Vergessen. Die Dinge leben unter dem Modder von Verzweiflung und Unentschlossenheit weiter, mit dem man sie zu begraben versucht. Als wäre es der Humus, aus dem sie Tag für Tag ihre Nahrung saugen, bis sie stark genug sind, alles zu verschlingen.

Liberté. Dieses Tattoo würde mich immer daran erinnern, was ich mir geschworen hatte: Lass es nicht zu, dass er dir alles nimmt, dass er dir, nachdem er dir das Liebste genommen hat, auch noch deine Seele nimmt. Lass es nicht zu, dass er dich auslöscht. Lass nicht zu, dass das Gift, das er gesät hat, alles Leben in deinem Garten vernichtet, wie Agent Orange einst all die strahlenden Blüten und funkelnden Blätter des Dschungels in seinem Gifthauch verdorren ließ, bis alles Leben erloschen war und auf die tote Erde Vietnams fiel. Vergiss nie deine Mission. Aber vergiss dein Ego, solange du deiner Mission folgst. Denn das Ego ist ein Verräter, der sich in den Augen spiegelt. Mach dich frei von deinem Ego, damit niemand in deinen Augen lesen kann. Niemand.

»Welche Freiheit meinen Sie?«, fragte mich plötzlich ein Mann um die Fünfzig, Typ Geschäftsreisender aus der Medienbranche, der in der Reihe hinter mir im Flugzeug nach München saß. Und bevor ich antworten konnte, setzte er mit einem leicht spöttischen Unterton in der Stimme, den er anscheinend für flirttauglich hielt, hinzu: »Heißt das, dass Sie ihre Freiheit nicht aufgeben möchten oder, dass Sie wieder frei sein wollen?«

»Wenn Sie mir anbieten wollen, mir dabei zu helfen, dann sag ich schon mal, Nein, danke!«, konterte ich. Eine derart dämliche Anmache nervte mich gewaltig. Das war typisch deutsch. Noch bevor der Flieger abgehoben hatte, war ich wieder daheim. Verzweifelt blickte ich aus dem Fenster und versuchte noch einen Blick auf Rio de Janeiro zu erhaschen. Aber es gelang mir nicht. Im Flugzeug auf dem Rollfeld gehört einem die Stadt schon nicht mehr, die man verlässt.

»Tut mir leid, wenn ich zu indiskret war, das wollte ich nicht. Geht mich ja auch wirklich nichts an. Mein Name ist übrigens Stefan Berger, wenn ich mich vorstellen darf.« Der Typ ließ nicht locker.

»Sandra Rösner«, brummte ich abweisend, »und ich wäre Ihnen dankbar, wenn wir es dabei bewenden lassen könnten. Ich möchte mich nicht unterhalten.« Damit beendete ich die Konversation und griff zu dem Buch, das ich mir für den Flug besorgt hatte. Die Abfuhr war ein Volltreffer. Ich konnte noch ein paar Minuten lang spüren, wie »Stefan« hinter mir schlucken musste, um sie zu verdauen. Aber er ließ mich für den Rest des Flugs in Ruhe.

Sandra Rösner. Der neue Name, der in dem druckfrischen Reisepass in meiner Handtasche eingetragen war, hörte sich noch fremd für mich an. Ich dachte immer noch als Lea Jenner. So hatte ich in meinem früheren Leben geheißen, Lea Jenner, geborene Weber. Und so fühlte ich immer noch. Der Pass war ausgezeichnete Arbeit. Er war das kleine Vermögen wert, das ich dafür ausgegeben hatte. Aber jetzt kam es darauf an, dass ich Lea Jenner für immer zurückließ und zu Sandra Rösner wurde. Als das Flugzeug abhob und Höhe gewann, stellte ich mir vor, dass Lea zurückblieb, sich auflöste wie Dunst über dem Meer und ihre Partikel sich im Getriebe der Millionenstadt verloren, bis die Nachweisgrenze unterschritten war. Bei der Landung in München würde es keine Lea mehr geben. Nur noch Sandra würde von Bord gehen, problemlos die Passkontrolle passieren und in ein neues Leben abtauchen, bereit für ihre Mission.

* * *


Erster Teil

Kapitel 1

Der 21. Juni vor drei Jahren, der Tag vor meinem Geburtstag, ist einer der Tage in meinem Leben, die ich nie vergessen werde. An diesem Tag saß ich zusammen mit Christian, dem Mann meiner Träume, den ich drei Wochen zuvor in einer Spontanaktion während eines Aufenthalts in New York geheiratet hatte, in einem Notariatsbüro in der Münchner Maximiliansstraße und erlebte den Höhepunkt meiner ganz persönlichen ›Pretty Woman Geschichte‹. An diesem Tag unterzeichneten wir den Kaufvertrag für das Haus, das wir uns als Heim für unser gemeinsames, zukünftiges Leben ausgesucht hatten. Wobei »Haus« nicht ganz der richtige Ausdruck ist für eine wunderschöne, alte Villa am Ammersee in einer der begehrtesten Gegenden im Südwesten von München.

In Christian hatte ich völlig unerwartet meinen sprichwörtlichen Märchenprinzen gefunden. Er war genau der Typ Mann, den ich mir immer als idealen Lebenspartner vorgestellt hatte. Seine Haare waren dunkel mit einem leichten, bläulichen Glanz. Mit seinen 1.90 Metern Körpergröße und seinen breiten Schultern stach er sofort auch aus einer größeren Menschenmenge heraus. Und an seinem Body hätte man in jedem Anatomiekurs das Zusammenspiel der Muskeln erläutern können.

Mit dieser perfekten Figur und seinem einzigartigen Lächeln schaffte es Christian in rekordverdächtiger Zeit, mich zu erobern. Und das will etwas heißen, denn ich gehörte nicht zu denen, die leicht zu haben sind. Bis zu meiner ersten Begegnung mit Christian war ich von einem extremen Freiheitsdrang beseelt. Ich dachte nicht im Traum daran, mich auf eine feste Bindung einzulassen und reagierte mit einem Gefühl von Abscheu, wenn Freundinnen mir von ihren festen Lovern erzählten und von einer bevorstehenden Hochzeit träumten. Oh Gott, bitte nicht, dachte ich und achtete in der Regel auf eine sichere Distanz zu allen Männern, die mir vielleicht hätten gefährlich werden können. Meine Unabhängigkeit war für mich wichtiger als gemeinsame Kuschelabende auf dem Wohnzimmersofa. Mein Wohnzimmer waren die Berge, meine Leidenschaft gehörte dem Klettern und dem Skifahren. Wenn andere Ende August noch am Badesee lagen, begann für mich bereits die Skisaison auf den Gletschern des Ötztals. Mit Top Speed die Pisten hinunter zu jagen war für mich ein Ausdruck unendlicher Freiheit. Ich nutzte jede Gelegenheit, dem Alltag zu entfliehen. Am meisten genoss ich es, wenn über dem Flachland eine tief hängende Nebelwand lastete, während oben auf den Bergen strahlender Sonnenschein herrschte. Dann setzte ich mich oft noch vor Morgengrauen ins Auto, um so früh wie möglich, pünktlich zur Eröffnung der ersten Lifte, in den Bergen zu sein. Das war meine Welt. An einem Tag, an dem Normalsterbliche im Grau unten arbeiten mussten, zusammen mit nur wenigen Auserwählten diese einzigartigen Stunden über dem Nebelmeer zu genießen. Dabei blieb es natürlich nicht aus, dass ich gelegentlich auch ein paar Worte mit dem einen oder anderen Exemplar der zweiten Hälfte der Menschheit wechselte. Schließlich ist der Skizirkus für die allermeisten Skifahrer eine einzige Anbandelwiese und das Après-Ski wichtiger als das Erlebnis auf der Piste. Für mich war das Abenteuer in der Regel mit Sonnenuntergang zu Ende. Dann verschwand ich ohne mich lange zu verabschieden, setzte mich in mein Auto und fuhr nach Hause zurück. Mein Freiheitsdrang war um ein Vielfaches stärker, als meine Sehnsucht nach Bindung oder nach der großen Liebe.

Das alles änderte sich, als Christian in mein Leben trat. Und das lag nicht nur an seinem phänomenalen Aussehen. Christian war auch ein ausgezeichneter Gesprächspartner. Zeit mit ihm zu verbringen, machte mich glücklich. Wir konnten uns stundenlangen bei einem Abendessen unterhalten oder am See bei einem Glas Wein und Kerzenlicht den Tag ausklingen lassen. Konnte ich es früher nicht aushalten, zusammen mit einem Mann in einem Zimmer, geschweige denn in einem Bett zu schlafen, gelang mir das mit Christian ohne Probleme. Ich fing sogar an, seine Anwesenheit in meinem Bett zu genießen. Hinzu kam, dass Christian ein ausgezeichneter Koch war und, dass er gerne kochte. Er genoss es, mich mindestens einmal pro Woche mit einem selbst gekochten Essen zu verwöhnen. Diese Abende gehören für mich zum Unvergesslichsten, was ich je zusammen mit einem Mann erlebt habe. Und was zu alledem noch als das absolute Sahnehäubchen hinzukam, Christian war ein sehr erfolgreicher Produzent im Münchner Filmbusiness. Geld spielte für ihn praktisch keine Rolle. Er verdiente – soweit mir die Zahlen bekannt waren – an die 250.000 € pro Monat. Hinzu kamen einige Immobilien, die er von seinen Eltern geerbt hatte. In besten Innenstadtlagen gelegen, stellten sie einen Wert von mehreren Millionen Euro dar und brachten Mieteinnahmen, die allein für die Finanzierung eines mehr als auskömmlichen Lebens ausgereicht hätten.

Wir kannten uns noch keine drei Monate, als wir begannen, nach einem Haus für uns zu suchen. Mithilfe eines Maklers fanden wir schließlich eine alte Villa mit riesigem Grundstück in einem kleinen Dorf am Ammersee. Zum Anwesen gehörte auch ein Uferstreifen mit eigenem Bootssteg, der über einen schmalen, romantischen Fußweg in wenigen Minuten erreichbar war. Das Haus war nach dem Tod der Besitzerin lange unbewohnt geblieben und seit Jahrzehnten nicht renoviert worden. Aufgrund von erst vor Kurzem geklärten Erbstreitigkeiten war es bei unserm ersten Rundgang mit dem Makler noch komplett möbliert. In den Schränken hingen noch die Kleider der Verstorbenen, und im Kühlschrank stapelten sich Tetra-Paks mit längst abgelaufener H-Milch. Alles machte den Anschein, als wäre das Haus erst vor wenigen Stunden von seiner Bewohnerin verlassen worden. Ich kam mir vor wie auf einem Gang durch ein Museum und fühlte mich fast wie ein Eindringling, der heimlich in einem fremden Leben herumschnüffelt. Trotzdem war ich sofort fasziniert von der einzigartigen Atmosphäre des alten Hauses, vom Geruch der alten Möbel und vom Knarren der Holzböden. Besonders ein Zimmer direkt unter dem Dach, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf den See hatte, bezauberte mich. Ich hätte es am liebsten in seinem aktuellen Zustand ohne jede Veränderung übernommen.

Obwohl Christian meine Begeisterung für die alten Möbel nicht teilen konnte und während der Besichtigung schon die ersten Überlegungen für den Umbau und die Renovierung des Hauses anstellte, schlug er mir zuliebe vor, den oberen Stock samt der Möbel zu übernehmen, und weitgehend in seinem Originalzustand zu belassen. Mit keinem anderen Vorschlag hätte er mich glücklicher machen können. Denn am liebsten wäre ich auf der Stelle hier geblieben, so wohl fühlte ich mich in den großzügigen, alten Räumen.

In den nächsten Monaten hatten wir vor, das Haus ganz in unserem Sinne zu modernisieren und einzurichten. Wir verbrachten ganze Tage damit, uns Gedanken über den zukünftigen Grundriss des Hauses zu machen, suchten Möbel und Objekte für die Inneneinrichtung aus, und schmiedeten Pläne für die Umgestaltung des Grundstücks. Immer wieder fuhren wir an den Ammersee hinaus, übernachteten im Haus, erkundeten das Dorf, in dem wir in Zukunft leben würden, und unternahmen Ausflüge in die Umgebung. Während wir in Gedanken an unsere Zukunft schwelgend durch die Gegend streiften oder unter der wunderschönen alten Linde am Dorfplatz saßen und die Füße im kühlen Wasser des Mühlbachs baumeln ließen, ahnten wir nicht, dass unser Idyll bald die ersten, tiefen Kratzer bekommen sollte.

* * * 

 Kapitel 2

Gleich am Tag nach der Unterzeichnung des Kaufvertrags hatten wir das Zimmer unter dem Dach mit dem Lebensnotwendigsten ausgestattet und das Badezimmer und die Küche im Erdgeschoß soweit eingerichtet, dass wir im Haus übernachten und kochen konnten. Besonders wenn wir im Dorf an Feierlichkeiten oder Veranstaltungen teilnahmen, machten wir von dieser Möglichkeit Gebrauch und blieben über Nacht.

Die Dorfgemeinschaft hatte uns so freundlich aufgenommen, dass wir uns in unserem neuen Umfeld pudelwohl fühlten. Von allen Seiten hatten wir eine Hilfsbereitschaft erfahren, die wir vom Leben in der Stadt nicht kannten. Deshalb nahmen wir im August auch am jährlichen Dorffest teil und übernachteten danach im Haus.

Am nächsten Morgen, nach einem ausgiebigen Frühstück, verabschiedete Christian von mir, um nach München ins Büro zu fahren. Ich wollte den Tag noch im Haus verbringen und hatte es mir gerade mit einem Einrichtungsmagazin auf dem Sofa bequem gemacht, als er plötzlich wieder in der Tür stand und meinte: »Komm doch bitte mal runter. Das musst du dir unbedingt ansehen. Ich kann’s nicht fassen, was da passiert ist. Ich hab zwei platte Reifen, zwei platte Reifen, unfassbar, auf einer Seite! Das gibt’s doch nicht. Das musst du dir anschauen.«

Ich schlüpfte schnell in meine Schuhe, warf mir eine Jacke über und folgte Christian zu dem kleinen Parkplatz vor unserem Haus. Das frisch restaurierte, blaugrüne 1962er DB 4 Aston Martin Cabriolet zeigte eine extreme Schieflage. Die Reifen auf der Fahrerseite waren platt bis auf die Felge.

»Vielleicht bist du in einen Nagel gefahren«, sinnierte ich geistesabwesend vor mich hin, während mir langsam die Tragweite des Vorfalls bewusst wurde. »Vielleicht bist du in einen Nagel gefahren oder in ein paar Scherben«, wiederholte ich tonlos in einem hilflosen Versuch, Christian zu beschwichtigen.

»Nein, ausgeschlossen«, entgegnete er, »das gibt’s nicht, zwei Platten auf einer Seite gleichzeitig, das kann nicht sein.« Er suchte hektisch den Boden um das Fahrzeug herum ab und sah sich dann die Reifen Stück für Stück genauer an.

»Hier, das sieht eindeutig nach Sabotage aus. Da hat jemand mit einem Schraubenzieher oder mit einem Messer den Reifen zerstochen. Hier, direkt unter der Größenangabe.« Christian deutete auf eine Stelle am Vorderreifen und nahm dann den Hinterreifen in Augenschein. »Und hier, an dem Reifen, die gleiche Stelle. Genau der gleiche Stich, an fast der gleichen Stelle. Das ist kein Zufall. Das war Absicht!«

Christian fiel für ein paar Sekunden in eine Art Schockstarre. Bewegungslos stand er da und schwieg. Als ich ihn so vor mir stehen sah, wurde mir mit einem Mal klar, dass das Leben für uns hier zu Ende war, bevor es richtig begonnen hatte.

»Wer hasst uns hier so?«, begann Christian zu grübeln. »Jemand im Dorf muss uns extrem hassen. Aber aus welchem Grund? Wenn man uns hier so hasst, macht es keinen Sinn, hier zu leben. Ich kann hier nicht leben, wenn man uns so hasst.«

»Vielleicht gibt es eine ganz einfache, harmlose Erklärung dafür«, versuchte ich ihn zu beruhigen.

»Was für eine harmlose Erklärung? Das ist eindeutig ein Anschlag auf uns. Irgendjemand im Dorf ist extrem sauer darüber, dass wir hier wohnen wollen.«

»Aber warum, dafür gibt es doch nicht den geringsten Grund?«

»Vielleicht mögen die Leute hier keine Schickimickis aus München oder Leute, die sie dafür halten? Sie hassen uns vielleicht einfach, weil wir Geld haben und weil wir hierher gezogen sind. Es nervt sie vielleicht, dass wir dieses alte Haus gekauft haben und renovieren? Wer weiß, vielleicht gibt’s Leute im Dorf, denen das nicht recht ist? Ich kann auf alle Fälle hier nicht bleiben. Wenn die Leute uns hier so feindlich gegenüberstehen, macht es absolut keinen Sinn, hier zu bleiben, absolut keinen Sinn.«

Die Art, wie Christian das sagte, schnürte mir die Kehle zu. Ich spürte, wie seine Betroffenheit all die Euphorie erstickte, mit der er bisher an unsere gemeinsame Zukunft geglaubt hatte. Unser Glück schien sich aufzulösen. Mir war, als könnte ich den bitteren Bodensatz, der zurückblieb, bereits auf der Zunge schmecken.

»Lass uns mit meinem Auto in die Stadt fahren. Ich bring dich ins Büro, und dann besorg ich einen zweiten Ersatzreifen. Dann haben wir das Baby heute Mittag wieder auf den Beinen«, übernahm ich die Regie, um uns aus dem Tief zu holen.

* * *

Kapitel 3

In den darauf folgenden Tagen gab es für uns nur ein Thema: Wer hatte die Reifen an Christians Cabriolet zerstochen? Wer in diesem idyllischen Dorf hasste uns so sehr, dass er sich nachts an unser Haus heranschlich, um einen derartigen Anschlag durchzuführen? Oder waren wir im Umfeld des Dorffests zufälliges Opfer eines deftigen, aber im Grund harmlosen Jugendstreichs geworden, der sich durch Übermut und Alkoholeinfluss erklären ließ?

Von den Dorfbewohnern konnte sich keiner den Vorfall erklären. Etwas Vergleichbares, beteuerte jeder, den wir fragten, wäre noch nie zuvor geschehen. Und Leute, die aus München an den See zogen, gebe es Tausende. Niemand im Dorf hätte etwas dagegen. Wie auch, die Münchner hätten schließlich Wohlstand und Geld ins Dorf gebracht. Sie gehörten mittlerweile dazu. Ob das der Kinobetreiber sei, der dem Dorf ein Programmkino beschert hatte, oder der Galerist, der in seiner Galerie am See erfolgreich Künstler und Kunsthandwerker aus dem Umland präsentiere. Hier wäre die Erklärung für den Anschlag mit Sicherheit nicht zu finden.

Trotz all dieser Beteuerungen wurden wir das Gefühl nicht los, dass es doch etwas gab, über das die Leute nicht mit uns reden wollten. Deshalb suchten wir den Dorfgasthof auf, um uns bei einem Bier mit dessen Besitzer zu unterhalten. Von ihm hatten wir das Haus gekauft. Und wenn der Anschlag irgendetwas mit dem Haus zu tun haben sollte, dann war er unserer Meinung nach verpflichtet, uns das mitzuteilen. Es war ein hartes Stück Arbeit. Erst als ihm klar wurde, dass wir entschlossen waren, nicht locker zu lassen, rückte er mit der Wahrheit heraus. Er hatte die Villa eineinhalb Jahre vor dem Verkauf an uns von ihrer Eigentümerin geerbt, einer alten Dame, die bis zu ihrem Tod überwiegend allein dort gelebt hatte. In den letzten Jahren vor ihrem Ableben hatte er sich regelmäßig um sie gekümmert, hatte ihr im Haus geholfen und die Steuererklärungen für sie erledigt. Und als sie das Haus kaum noch verlassen konnte, hatte er auch die meisten Einkäufe und Behördengänge übernommen. Aus Dankbarkeit für seine Hilfe hatte ihn die alte Dame zu seiner eigenen und zur Überraschung aller im Dorf als Erben für das Haus eingesetzt. Durch diese testamentarische Verfügung war der Cousin der alten Dame, Robert Eichberger, der fest mit dem Erbe gerechnet hatte, zum größten Teil leer ausgegangen. Aus Wut darüber hatte er sich tagelang betrunken und ihn bei jeder Gelegenheit öffentlich als Erbschleicher beschimpft. An einem Sonntagmorgen war es schließlich zum unvermeidlichen Eklat gekommen. Eichberger hatte in der Nacht mit rotem Lackspray und in riesigen Lettern die Worte »Willkommen beim Erbschleicher« an die weiße Wand gleich neben dem Wirtshauseingang gesprüht. Damit war das Maß voll. Um ein Haar wäre es damals auf dem Weg zur Kirche zu einem Faustkampf zwischen Eichberger und ihm gekommen. Aber seitdem hätten sich die Wogen wieder geglättet. Eichberger und er hätten sich längst wieder versöhnt. Und sie hätten sich auch auf eine finanzielle Regelung des Ganzen geeinigt, mit der Eichberger offensichtlich zufrieden war. Das zeige sich am deutlichsten daran, dass er nach wie vor sein Bier bei ihm an der Theke trinke.

Die Erklärungen des Wirts wirkten überzeugend. Aber für uns kam Eichberger trotz Versöhnung und finanzieller Abfindung als Täter infrage. Der Verkauf des Hauses, der dem Dorfwirt eine Menge Geld eingebracht hatte, hatte mit Sicherheit die alten Wunden wieder aufgerissen. Und es lag nahe, dass sich einer wie Eichberger in seinem Zorn zu einem derart unbedachten Anschlag hinreißen ließ. Diese Vermutung wurde zudem durch einen Vorfall bestärkt, dem ich bisher keine weitere Bedeutung beigemessen hatte, an den ich mich jetzt aber wieder deutlich erinnerte. Am Vormittag nach dem Notartermin war ich allein an den See hinausgefahren, um ein paar Bad- und Küchenutensilien ins Haus zu bringen. Dabei hatte ich mein Auto in der Nähe der Dorfgaststätte geparkt, weil ich zu Fuß durchs Dorf zu unserem Haus spazieren wollte. Als ich ausstieg, hatte mich Eichberger, der für mich damals noch ein Unbekannter war, voller Zorn angeschnauzt, ich sollte gefälligst weiter von der Einfahrt weg parken, dass auch andere Leute hier noch rein- und rausfahren könnten. Ich hatte mich damals über diesen völlig unangemessenen Wutausbruch gewundert, hatte das Ganze aber schließlich als aggressive Unhöflichkeit abgetan und dem Vorfall keine weitere Bedeutung beigemessen. Aber jetzt erschien der Vorfall in einem ganz anderen Licht. Jetzt konnte ich mir den Zorn Robert Eichbergers erklären. Wahrscheinlich hatte er damals gerade erfahren, dass der Wirt uns das Haus verkauft hatte. Und wahrscheinlich war ihm auch zu Ohren gekommen, wie viel Geld der Verkauf dem Wirt eingebracht hatte.

Damit war der Fall für uns klar. Wir waren beide überzeugt, dass Robert Eichberger seine Finger bei dem Anschlag im Spiel hatte. So problematisch das auch war, hatte es doch auch eine gute Seite. Es gab Hoffnung, dass es uns mit der Zeit gelingen würde, das schlechte Karma aufzulösen, das durch diese Erbstreitigkeiten über der Villa lag.

* * *

Kapitel 4

In den folgenden Tagen versuchten wir, das Erlebte zu vergessen. Aber die Leichtigkeit des Neubeginns, der Zauber, der über unserem Umzug und dieser neuen Phase unserer Beziehung gelegen hatte, kehrte nicht mehr zurück. Im Gegenteil, die Geschichte nahm ein paar Tage später eine dramatische Wendung, mit der niemand von uns gerechnet hatte, und die den Himmel über unserer Zukunft noch mehr verdüsterte.

Ich hatte den Wagen von Christian zu einer Routineinspektion in eine Werkstatt in der Kreisstadt gebracht, die sich auf Sportwagen spezialisiert hatte. Gegen Mittag rief mich der Meister der Werkstatt unerwartet auf meinem Mobiltelefon an. Mit besorgt klingender Stimme bat er mich, so schnell wie möglich vorbeizukommen. Er müsse mir unbedingt etwas zeigen. Als ich am Nachmittag in der Werkstatt eintraf, führte mich der Meister unverzüglich zu Christians Wagen, der auf einer Hebebühne stand, und deutete auf zwei heftige Quetschspuren an den Bremsleitungen des Fahrzeugs, die ungefähr auf Höhe der Fahrertür deutlich zu erkennen waren.

»Schauen Sie sich das mal an«, meinte er und sah mich mit einem fragenden Blick an. »Für mich sieht das nach Sabotage aus. Anders kann ich mir das nicht erklären. Das kann weder durch einen Unfall, noch durch einen Bodenkontakt, noch durch sonst irgendetwas passiert sein.« Er fuhr mit dem Daumen über die scharfen Kanten, die im Bereich der Quetschung zu sehen waren. »Hier, das sind eindeutig die Spuren von einem Werkzeug. Eine Zange vielleicht oder ein Blechschneider, irgend so was. Oder können Sie sich das erklären?«

»Nein«, stammelte ich und spürte, wie sich alles in mir verkrampfte.

»Dann sollten Sie sich mal mit der Polizei in Verbindung zu setzen, denke ich. Ich hab schon ein paar Fotos von dem Schaden für Sie gemacht. Die zeigen Sie denen dort am besten mal. Und dann sollen die von der Polizei entscheiden, was mit dem Auto geschehen soll. Ob die das sicherstellen wollen oder ob wir das Fahrzeug reparieren sollen oder nicht.«

»Aber das kann doch nicht sein. Sie meinen, dass jemand versucht hat, die Bremsleitungen durchzutrennen?«, fragte ich fassungslos.

»Ja. Anders kann ich mir das nicht erklären. Der, der das gemacht hat, hat das nicht aus Versehen gemacht. Das war mit Sicherheit Absicht.«

»Und was wäre passiert, wenn mein Mann weiter damit gefahren wäre?«

»Vermutlich nichts. Die Leitungen sind ja noch dicht. Wer auch immer das gemacht hat, er hat es nicht geschafft, die Leitungen durchzutrennen. Gott sei Dank.«

»Und was wäre passiert, wenn er es geschafft hätte?«

»Dann hätten die Bremsen irgendwann versagt. Und das kann dann dumm ausgehen, je nach der Situation, in der es passiert.«

Ich war sprachlos. Eichberger hatte also nicht nur die Reifen zerstochen, er hatte auch versucht, die Bremsleitungen zu durchtrennen. Wie konnte das sein? Wie konnte uns jemand so hassen, der uns gar nicht kannte? War es wirklich möglich, dass Eichberger versucht hatte, Christian töten, obwohl die beiden noch nie ein Wort miteinander gewechselt hatten?

»Kommen Sie bitte mit ins Büro, dann gebe ich Ihnen die Fotos, die wir gemacht haben«, riss mich der Werkstattmeister aus meinen Gedanken. Wie in Trance folgte ich ihm und ließ mir den Umschlag mit den Bildern aushändigen, ohne es richtig wahrzunehmen.

Die nächsten Stunden vergingen wie in einem Fiebertraum. Ich fuhr am See entlang, lief ziellos durch einen Baumarkt und kaufte schließlich in dem kleinen Haushaltswarengeschäft im Ort ein paar Küchenutensilien, um die restliche Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken, zu dem ich mit Christian im Haus verabredet war. Ich kam mir vor wie ein Astronaut, der den Kontakt zu seiner Raumstation verloren hatte und mit seinem zur Neige gehenden Notvorrat an Sauerstoff durchs All trieb, vorbei an allerlei nutzlosen Trümmern von Weltraumschrott.

Ich konnte es kaum erwarten, mich mit Christian über die neue Dimension des Anschlags auszutauschen, die bei der Inspektion in der Werkstatt deutlich geworden war. Aber als er gegen 19:00 Uhr endlich aus München zurückkam, zeigte er wenig Interesse, sich damit zu beschäftigen. Nach einem kurzen Blick auf die Fotos, die die Werkstatt angefertigt hatte, machte er eine Flasche Rotwein auf und fing an, den Tisch für das Abendessen zu decken.

»Nimm es mir nicht übel, aber ich hab keine Lust mehr, mich damit zu beschäftigen. Egal, wer die Bremsleitungen manipuliert hat, und warum. Mir reicht diese durchgeknallte Hollywooddiva, die ich gerade jeden Tag davon abhalten muss, dass sie in den Flieger zurück nach LA steigt und damit den ganzen Film platzen lässt. Lass uns die Geschichte einfach vergessen. Morgen ist drehfrei. Da ruf ich in der Werkstatt an und sag denen, dass sie den Wagen einfach reparieren sollen. Und damit lassen wir es gut sein.«

»Aber, jemand hat versucht, dich umzubringen«, entgegnete ich fassungslos. »Er könnte es wieder versuchen. Wir müssen die Polizei einschalten. Der Anschlag hat nichts mit diesem Erbstreit zu tun. Das glaube ich einfach nicht mehr. Deswegen würde niemand versuchen, die Bremsleitungen zu sabotieren. Wenn überhaupt, dann würde der Eichberger eher den Wirt angreifen, nicht uns. Einen Reifenstecher nach zwei oder drei Maß Bier, das würde ich ihm zutrauen, aber niemals einen Anschlag auf die Bremsleitungen. Das passt nicht. Es muss jemanden geben, der uns extrem hasst. Und ich habe das Gefühl, dass es niemand aus dem Dorf ist. Ich hab mich inzwischen mit vielen Leuten hier unterhalten. Ein derartiger Anschlag ist hier noch nie vorgekommen. Das größte Verbrechen in den letzten zwanzig Jahren war hier der Diebstahl des Maibaums im Nachbardorf. Und das zweitgrößte war ein geklautes Motorrad, das die Polizei aber gleich am nächsten Tag auf einem Parkplatz im Wald wiedergefunden hat. Also genau genommen eher Jugendstreiche als wirkliche Verbrechen.«

»Und, was hilft uns das?«, warf Christian lakonisch ein, während er die Festigkeit der Spaghetti prüfte. »Es macht keinen Sinn zur Polizei zu gehen. Das ist nur Zeitverschwendung. Die können da eh nichts machen. Also lass uns einfach abwarten.«

Ich war erstaunt, dass Christian die Angelegenheit so einfach abhaken konnte. Für mich hatte die neue Dimension des Anschlags endgültig alle Träume von unserer gemeinsamen Zukunft am See zerstört. Und trotz Christians cooler Reaktion hatte ich irgendwie das Gefühl, dass es ihm im Innersten genauso ging. Der einzige Unterschied war, dass er es nicht wahrhaben wollte und deshalb versuchte, es so schnell wie möglich beiseitezuschieben. Aber ein Blick in seine Augen sagte mir, dass die neue Entwicklung auch für ihn alles verändert hatte. Obwohl ich heimlich im Bad ein Beruhigungsmittel nahm, konnte ich in der Nacht nicht zur Ruhe kommen, lag stundenlang wach, und versuchte eine Erklärung für die Geschehnisse zu finden, was mir am nächsten Morgen mehr durch Zufall oder Eingebung als durch logisches Nachdenken gelang.

* * *

Kapitel 5

Als wir am folgenden Morgen im Bett frühstückten, kamen wir trotz aller Vorsätze, das Thema zu vermeiden, wieder auf die mysteriösen Vorgänge um die zerstochenen Reifen zu sprechen. Ohne eine Erklärung, die unser Gehirn akzeptieren kann, laufen die Versuche zu verstehen auf den verschiedenen Ebenen des Bewusstseins in Endlosschleifen weiter, bis eine Lösung gefunden ist oder die daran beteiligten Zellen ausgebrannt sind. Wie in einem verlassenen Rechenzentrum hatten die Prozessoren in meinem Hirn die ganze Nacht über auf Hochtouren gearbeitet, Datensatz um Datensatz verglichen und schließlich ein Ergebnis ausgeworfen, das genau in dem Moment, in dem ich die Alufolie von meiner Kirschmarmelade abzog, auf dem Bildschirm in meinem Kopf auftauchte. »Ich wollte manchmal, man könnte im Leben Dinge einfach wieder rückgängig machen. Das habe ich schon oft in meinem Leben gedacht. Was meinst du denn dazu? Geht es dir auch so?«, stand da in hell leuchtenden Buchstaben in die Bildschirmmaske eingebrannt.

»Einen Moment mal, ich muss kurz mal was schauen«, unterbrach ich unsere Unterhaltung, sprang aus dem Bett, holte mein Handy aus meiner Jacke, die auf einem Stuhl am Fußende des Betts hing, und scrollte wie wild durch den SMS-Eingangsordner, bis ich die SMS mit dem entsprechenden Wortlaut gefunden hatte. Mein Kletterpartner Harald hatte sie mir am Tag nach dem Anschlag geschickt. Damals hatte ich ihr keine Bedeutung beigemessen, aber jetzt erschien sie mir in einem ganz neuen Licht. Gebannt las ich noch einmal alle Kurzmitteilungen durch, die mir Harald in den letzten Wochen und Monaten geschickt hatte. Mit einem Mal bekamen die Texte eine ganz neue Bedeutung. Und dazu passten auch die Gespräche, die ich mit Harald in letzter Zeit beim Klettern geführt hatte. All seine Fragen und Aussagen fügten sich plötzlich zu einem Bild zusammen, in dem ein nie ausgesprochener Untertext sichtbar wurde, der mich in Angst versetzte. Wenn ich den Text der SMS, die vor meinem inneren Auge erschienen war, Wort für Wort überdachte, gab es für mich keinen Zweifel mehr. Hinter dem Anschlag auf Christians Auto konnte nur einer stecken: Harald.

Der Tonfall der SMS war so kryptisch, dass mir beim ersten Lesen einfach entgangen war, wie wichtig sie für Harald gewesen war. Aber jetzt war mir klar, was er damit gemeint hatte. Diese SMS war praktisch ein Geständnis. Harald hatte die Reifen zerstochen und die Bremsleitungen manipuliert. Er hatte versucht, Christian umzubringen. Und weil er seine Tat danach irgendwie bereut hatte, hatte er mir diese SMS geschrieben.

Ich konnte es nicht fassen. Hatte ich mich so in Harald getäuscht? Mit ihm hatte ich viele Klettertouren unternommen. Wir waren seit Jahren enge Freunde. Hätte mich irgendjemand nach meinem besten Freund oder nach meinen besten Freunden gefragt, hätte ich Harald wahrscheinlich als einen der Ersten genannt. Wir hatten oft stundenlang miteinander geredet und hatten uns Dinge erzählt, die man nur ganz wenigen anderen Menschen mitteilt. Mit Harald hatte ich über alles gesprochen, was mir wichtig war. Ich hatte ihm mein Innerstes anvertraut, meine Angst, meine Freude, meine Hoffnungen. Er hatte mir immer das Gefühl gegeben, dass er absolut verlässlich sei, dass er als Freund immer für mich da sein würde. Und ich hatte ihm geglaubt, ich hatte geglaubt, dass wir echte Freunde sind, dass wir Seilpartner sind, die einander blind vertrauen können – und jetzt dieser ungeheuerliche Missbrauch meines Vertrauens, meiner Freundschaft.

»Was ist? Ist irgendwas passiert?«, holte mich Christian aus meinen Gedanken zurück.

»Ich glaube, ich weiß jetzt, wer die Reifen zerstochen hat«, antwortete ich und reichte das Smartphone an Christian weiter. »Hier, diese SMS hab ich am Tag nach dem Anschlag bekommen. Ich konnte damals nichts damit anfangen. Harald hat mir öfter ein bisschen merkwürdige SMS geschickt. Aber jetzt bin ich sicher, dass er das geschrieben hat, weil er es war, der die Bremsleitungen manipuliert hat.«

»Kann sein, kann aber auch ein Zufall sein. Außerdem, warum sollte er so etwas tun? Ruf am besten an und frag ihn.«

Typisch Mann, dachte ich. Analyse und noch mal Analyse, aber bitte bloß keine Intuition, bloß keine Emotionen. Aber andererseits hatte Christian recht, der einfachste Weg, herauszufinden, ob Harald wirklich dahintersteckte, war, ihn zu fragen. Ich tippte eine SMS an Harald ins Telefon: »Hast du was gemacht?« Keine zwei Minuten später kam seine Antwort: »Reifen zerstochen?«

Diese prompte Bestätigung meines Verdachts schnürte mir die Kehle zusammen. Mein Verdacht war also richtig. Harald steckte hinter dem Anschlag. Er hatte versucht, Christian umzubringen. Und das Ganze schien ihm auch noch eine Art perversen Spaß zu machen. Hinter seiner knappen Antwort »Reifen zerstochen?« glaubte ich einen Ansatz von höhnischem Gelächter zu hören. Mit zittrigen Händen wählte ich seine Nummer. Es dauerte keine zwei Sekunden, bis er das Gespräch annahm. Er hatte anscheinend auf den Anruf gewartet.

»Hallo Lea, freut mich, dass du dich meldest«, sagte er mit seiner wie immer betont sanft klingenden Stimme, als wäre nichts Besonderes passiert.

»Hast du versucht, die Bremsleitungen an dem Cabrio zu manipulieren?«, fragte ich, bemüht, die Fassung zu behalten.

»Ja. Ich war so verletzt. Du hast damals unsere Verabredung zum Klettern wegen Fieber abgesagt. Ich hab geglaubt, du liegst krank zu Hause. Deshalb bin ich bei dir vorbeigefahren, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Und da hab ich gesehen, wie du mit einem Mann in dieses Auto gestiegen bist. Und dann bin ich euch nachgefahren und hab gesehen, wie ihr in dem Haus verschwunden seid. Und dann hab ich durchgedreht. Ich hab so viel für dich getan, und du hast mich belogen. Da hab ich in einem Wutanfall die Bremsleitungen mit einer Zange bearbeitet. Aber dann hab ich das bereut, und deshalb hab ich die Reifen zerstochen, damit nichts passieren kann, damit niemand mit dem Auto fahren kann.«

»Sag mal, bist du krank, oder was?«, herrschte ich ihn an. »Was soll das Harald? Ich bin dir doch keine Rechenschaft schuldig, mit wem ich unterwegs bin oder mit wem ich zusammen bin. Ich hab dir immer gesagt, dass unsere Beziehung rein freundschaftlich ist, dass ich kein erotisches Interesse hab. Und du hast gesagt, dass das bei dir genauso ist. Darauf hab ich mich verlassen, das hab ich dir geglaubt. Und dann versuchst du, meinen Freund umzubringen. Du spinnst ja! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin unheimlich enttäuscht, und traurig. Ich hab geglaubt, wir sind Freunde.«

»Ich möchte das gerne wieder gut machen. Glaub mir, ich bin verzweifelt und kann gar nicht begreifen, dass ich so etwas gemacht hab. Die letzten Tage hab ich nur noch daran gedacht, in die Berge zu gehen und irgendwo runterzuspringen. Sag mir, was ich tun kann. Ich bezahl natürlich die Reparatur. Ich tu alles, was du verlangst, aber bitte verzeih mir.«

Harald klang aufrichtig verzweifelt. Ich wusste nicht, wie ich das einschätzen sollte. Wie er sich verhielt, und was er sagte, passte irgendwie nicht zusammen. Aus dieser Unsicherheit heraus lenkte ich ein, ohne mir klar zu sein, was ich tatsächlich wollte.

»Tu das nicht mit den Bergen. Es gibt bestimmt eine Möglichkeit, das irgendwie zu klären. Lass uns in den nächsten Tagen noch mal reden. Ich muss in Ruhe darüber nachdenken. Ich meld mich dann bei dir. Bis dann.« Damit legte ich auf. Im selben Moment bereute ich meine Reaktion. Ich ärgerte mich darüber, dass ich eingelenkt hatte, und dass ich ihm den Selbstmord ausgeredet hatte. Sollte er sich doch meinetwegen umbringen. Er hatte es verdient. Schließlich hatte er versucht, Christian umzubringen.

Ich brauchte ein paar Minuten, bis ich wieder einigermaßen klar denken konnte. Harald hatte mir also die ganze Zeit etwas vorgemacht. Er hatte sich doch Hoffnungen gemacht, dass aus unserer Freundschaft eine Liebesbeziehung werden könnte. Dabei hatte ich ihm immer ganz klar zu verstehen gegeben, dass er als Mann für mich nicht infrage kam. Als Freund verstand ich mich ausgezeichnet mit ihm, aber erotisch gab es auf meiner Seite nicht das geringste Interesse. Harald war absolut nicht mein Typ. Ich konnte sehr offen mit ihm reden und hatte mich zum Teil auch über sehr vertrauliche Dinge mit ihm unterhalten. Und auch er hatte mir viel von sich erzählt. Über seine Kindheit, seine Eltern und seine Schwierigkeiten in der Schule. Darunter auch viele Geschichten, bei denen ich mir nicht sicher war, ob er sie erfunden hatte oder ob sie wirklich der Wahrheit entsprachen. So hatte er mir zum Beispiel erzählt, dass es für ihn kein Problem wäre, sich einen perfekt gefälschten Pass zu besorgen und unter einem falschen Namen zu leben. Und er hatte angedeutet, dass er über eine Menge Geld verfüge, das er zum Teil geerbt habe, das er zum anderen Teil aber auch durch riskante Wetten und Spiele im Internet gewonnen habe. Auch von einer Pistole hatte er gesprochen, die er sich für alle Fälle besorgt habe. Schließlich könne man nie wissen, was die Zukunft bringt. Diesen Aussagen hatte ich damals keine Bedeutung beigemessen. Aber jetzt erschienen sie mir in einem völlig anderen Licht. Sie machten mir Angst. Wer war Harald wirklich? Und was hatte er vor? Was würde als Nächstes geschehen? War er krank? Und das Wichtigste, wie gefährlich war er?

* * *

Kapitel 6

Als Christian ins Büro gefahren war, hielt ich es im Haus nicht mehr aus. Ich schrieb eine Nachricht auf eine Serviette und drapierte sie, unter den Rand einer Tasse geklemmt, unübersehbar auf dem Küchentisch: »Hallo Liebling, bin in die Berge gefahren. Halt es hier nicht mehr aus. Muss mal in Ruhe nachdenken. Bin am Abend zurück.« Dann setzte ich mich ins Auto und fuhr Richtung Ehrwald. Auf dem Weg warf ich alle paar Minuten einen Blick in den Rückspiegel und beobachtete den Verkehr. Seit dem Telefongespräch mit Harald fühlte ich mich bedroht und hatte eine diffuse Angst vor dem, was er als Nächstes aushecken könnte. Wahrscheinlich war er mir in den letzten Monaten unentwegt heimlich gefolgt und hatte mich und Christian beobachtet. Es war sehr gut möglich, dass er auch jetzt unser Haus beschattete und mir folgte. Und wenn es stimmte, dass er eine Pistole hatte, dann war er jetzt vielleicht auch bereit, sie einzusetzen. Jetzt, da er aufgeflogen war, hatte er vielleicht Angst vor den Konsequenzen. Es war gut möglich, dass er ernsthafte Selbstmordgedanken hatte. Und wenn er wirklich so tickte, wie es für mich den Anschein hatte, konnte es gut sein, dass er beschlossen hatte, mich auf die Reise ins Jenseits mitzunehmen. Deshalb blieb ich bei einer Tankstelle am Ortseingang von Ehrwald stehen, kaufte mir im Shop eine Cola und setzte mich wieder ins Auto, um den Verkehr zu beobachten.

Als mir auch nach einer Viertelstunde noch nichts Ungewöhnliches aufgefallen war, startete ich den Motor wieder und fuhr langsam durch den Ort zur Talstation der Ehrwalder Seilbahn hinauf. Im Vorbeifahren inspizierte ich die Autos, die auf dem terrassenförmig angelegten Parkplatz unterhalb der Seilbahnstation abgestellt waren. Haralds grauer VW Golf war nicht darunter. Und auch von den anderen parkenden Fahrzeugen erschien mir keines verdächtig.

Auf der Höhe der Seilbahnstation wendete ich und ließ den Wagen langsam wieder bergab rollen. Niemand war mir gefolgt. Soweit ich die Straße einsehen konnte, kam mir kein Fahrzeug entgegen. Deshalb beschloss ich, hier zu bleiben, bog auf Höhe der mittleren Terrasse in den Parkplatz ein und stellte mein Auto hinter einem großen Wohnmobil ab, das am äußersten Ende des Platzes stand. In dieser Position war mein Auto von der Straße aus nicht zu sehen. Als ich den Motor abstellte, spürte ich, wie ich langsam ruhiger wurde und Erleichterung sich in meinem Körper ausbreitete.

Ich stieg aus, zog meine Bergschuhe an, schulterte meinen Rucksack und folgte den Schildern Richtung »Hoher Gang«. Der schmale, ausgesetzte Pfad, der unweit des Seebener Klettersteigs hinauf zum Seeben See führte, lag abseits der Hauptwanderwege und wurde nur von wenigen, erfahrenen Bergwanderern benutzt. In den letzten Jahren hatte ich den Hohen Gang oft gemacht, wenn ich in Ruhe über etwas nachdenken oder eine Entscheidung treffen wollte. Das Wandern in den Bergen hatte für mich etwas sehr Beruhigendes. Schon nach wenigen Hundert Höhenmetern stellte sich eine Art Schwerelosigkeit ein. Der Körper wurde vom Rhythmus des Gehens erfasst, und parallel dazu erreichten die Gedanken eine meditative Leichtigkeit. Aber heute funktionierte dieser Mechanismus nicht. Ich konnte nicht zur Ruhe finden. Harald hatte mich genau an der Stelle getroffen, an der ich am leichtesten zu treffen war. Ich hatte ihm vertraut, und er hatte mein Vertrauen mit Füssen getreten. Damit hatte er mich wieder zum Opfer gemacht. Ich fühlte mich mit einem Mal wieder in die Opferrolle zurückgeworfen, aus der ich mich erst vor wenigen Jahren unter großen Anstrengungen befreit hatte.

Die Berge hatten dabei eine große Rolle gespielt. Im Winter das Skifahren und im Sommer das Klettern und Bergsteigen. Ich konnte es in geschlossenen Räumen nicht lange aushalten. Nur draußen fühlte ich mich frei. Die Skisaison begann für mich Ende August, Anfang September. Ich gehörte zu den wenigen Glücklichen, die bei den ersten Skitagen auf den sonnenüberfluteten österreichischen Gletschern dabei waren. Und wenn die Skisaison im April zu Ende war, lagerte ich die Skiausrüstung in der Garage ein und verstaute im Gegenzug dazu das Kletterequipment in meinem weinroten Golf Kombi. In den Kletterrouten im Altmühltal, in den Alpen und im Tessin erlebte ich vollkommenes Glück und unendliche Freiheit. Ich dachte nicht an das Vergangene und nicht an morgen. Ich lebte nur im Augenblick. Wenn ich über den Fels tanzte oder am Wandfuß im Kreis all der anderen Kletterfreaks Espresso auf einem kleinen Gaskocher zubereitete, fühlte ich mich so leicht wie der zarte Duft der Kamelienblüten, der das Centovalli erfüllte. Aber in Wahrheit war ich auf der Flucht, auf der Flucht vor der Vergangenheit und auf der Flucht vor dem Morgen.

In dieser Zeit hatte ich Harald kennengelernt. Er hatte auf ein Posting geantwortet, mit dem ich im Internetforum der DAV-Kletterhalle einen Kletterpartner gesucht hatte. Bei unserem ersten Treffen war mir sofort klar gewesen, dass er als Mann für mich nicht infrage kam. Und ich hatte das Gefühl, dass es ihm umgekehrt mit mir genauso ging. Das war mit einer der Gründe dafür, dass ich mich schließlich für ihn entschied. Ich suchte keinen Mann. Ich suchte wirklich nur einen Partner zum Klettern, der auch unter der Woche Zeit hatte. Und das traf auf Harald zu. Er schien keinen festen Job zu haben und war spontan fast immer verfügbar, wenn Kletterwetter war.

Auf dem ganzen Anstieg zum Seeben See begegnete ich nur einem einzigen Wanderer, der mir im oberen Teil des Hohen Gangs entgegenkam. Noch bevor ich ihn sah, hörte ich bereits das hektische Scharren seiner Wanderstöcke, mit denen er sich ängstlich über eine Felsplatte zwischen lockerem Geröll nach unten tastete. Im Vorbeigehen warf er mir einen kurzen, unschlüssigen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. Suchte er Ermunterung oder schämte er sich für sein Staksen? Aber bevor er ein Wort sagen konnte, war ich an ihm vorbei. Und wenige Minuten später stand ich vor der magischen Kulisse des Sees und ließ meinen Blick über die umliegenden Berge streifen.

Aber auch jetzt konnte ich die erhabene Ruhe der Berge nicht empfinden. Immer wieder brachen Erinnerungsfetzen in meine Gedanken ein, und ich musste an die Zeit mit Harald denken. Die erste längere Unternehmung, die wir zusammen durchgeführt hatten, war der Klettersteig an der Tajakante gewesen. Von meinem Standpunkt aus konnte ich das Stahlseil des Steigs mit bloßem Auge nicht erkennen, aber ich konnte einen Teil der Linie nachvollziehen, die der lange Steig über den Tajakopf zieht. Harald hatte auf dem Weg zum Einstieg nur wenige Sätze gesprochen. Ich dagegen hatte ihm ausführlich klar gemacht, wie ich mir unsere zukünftigen Touren vorstellte. Er hatte mir in allem zugestimmt und versichert, dass er das genauso sehe, dass auch er nur einen Kletterpartner beziehungsweise eine Kletterpartnerin gesucht habe, und dass ihm die »Reinheit« einer solchen Beziehung wichtig sei. Er hatte tatsächlich das Wort »Reinheit« benutzt. Über diese Wortwahl erstaunt, hatte ich nachgefragt, was er damit meine. Woraufhin er nach einer langen Pause gesagt hatte: »Das bedeutet, dass man sich aufeinander verlassen kann, egal was passiert.« Und nach einer langen Pause, in der er mich einfach nur stumm angeschaut hatte, hatte er hinzugefügt: »Das ist in den Bergen wichtig. In den Bergen muss man sich 100-prozentig aufeinander verlassen können.«

Solche Pausen waren in Unterhaltungen mit Harald nichts Ungewöhnliches gewesen. Er hatte mich oft mitten im Gespräch so angesehen, als würde er nach Worten suchen. Seine Augen hatten dann immer einen seltsamen Ausdruck gehabt, den ich nicht deuten konnte. Was hatte er in diesen Momenten gedacht? War es Schüchternheit gewesen, die ihn stocken ließ, wie ich mir damals gesagt hatte? Hatte er versucht, seine Gedanken zu ordnen? Oder hatte er mich in diesen Pausen taxiert und sich seine eigenen Gedanken gemacht, zu dem, worüber wir gerade sprachen? Gedanken, die er nie ausgesprochen hatte, die für ihn aber das Einzige gewesen waren, was zählte? Jetzt dachte ich anders über Haralds Verhalten, jetzt wusste ich, dass er mir nie sein wahres Ich gezeigt hatte. Ich hatte ihm alles von mir erzählt, selbst Dinge, die sonst niemand von mir wusste. Er dagegen hatte keinen Blick in seine Gedanken und in seine Person zugelassen. Zwar hatte er mir auch ein paar Dinge über sich erzählt, aber im Nachhinein betrachtet, hatte er das immer auf eine Art und Weise getan, die alles in der Schwebe ließ. Ich hatte nie richtig einschätzen können, ob es wirklich wahr war, oder ob er nur Geschichten erzählte, um sich interessant zu machen. Für viele Dinge, die er angeblich getan hatte, war er viel zu schüchtern. Jedenfalls wirkte er so auf mich. Und wenn er von der Beziehung zu seiner Mutter erzählte, tat er mir manchmal fast leid, so wenig schien er sich selbst zuzutrauen, so wenig schien er sein Leben im Griff zu haben. Jetzt hatte ich einen anderen Harald kennengelernt. Einen Menschen, der mir Angst machte, und der wahrscheinlich zutiefst krank war. Denn was er getan hatte, konnte ich mir anders nicht erklären. Wenn ich jetzt daran dachte, wie viel Harald über mich wusste, während er für mich ein undurchschaubarer Fremder war, schnürte es mir die Kehle zu. Ich fühlte mich ihm schutzlos ausgeliefert. Und jetzt wurde mir klar, dass er dieses Spiel schon immer gespielt hatte. Denn dieses Spiel gab ihm Macht. Es linderte das unerträgliche Gefühl der Minderwertigkeit, das ihn in seinem Innersten beherrschte.

Ich hatte eigentlich vorgehabt, auf die Sonnenspitze zu gehen, aber als ich die Coburger Hütte erreicht hatte, machte ich kehrt und trat den Heimweg an. Ich hatte meinen Entschluss gefasst. Mir war klar geworden, dass ich Haralds Anschlag nicht einfach hinnehmen durfte. Er hatte mit einem Schlag den Boden unter mir zertrümmert, auf dem ich mich in den letzten Jahren einigermaßen sicher gefühlt hatte. Ein ungeheuerer Eingriff in mein Leben, durch den er all das Vertrauen in Menschen, das ich mir in den vergangenen Jahren mühsam aufgebaut hatte, wieder zerstört hatte. Und er hatte mit Christian den Menschen attackiert, den ich am meisten liebte. Damit hatte er diese wunderbare Liebe, in der wir gelebt hatten, für immer zerstört. Ich spürte, dass unser Glück damit unwiederbringlich zerbrochen war. Man kann Scherben wieder aufsammeln. Man kann Stunden und Tage damit verbringen, sie wieder zusammenzufügen. Aber auch wenn man die stärksten Kleber verwendet, es wird nie mehr so sein wie zuvor.

Meine Wut auf Harald stieg ins Unermessliche. Ich begann mich Stunde um Stunde mehr dafür zu hassen, dass ich ihn am Telefon davon abgehalten hatte, sich umzubringen. Anstatt ihm deutlich zu sagen, was er mir angetan hatte, hatte ich mich klein gemacht, hatte eine Art »Appeasement« betrieben. Ich hatte das Ganze als nicht so schlimm dargestellt. Und damit war ich wieder in meine Opferrolle zurückgefallen. Das wurde mir mehr und mehr bewusst. Und je klarer ich mir darüber wurde, desto sicherer war ich, dass ich es nicht damit bewenden lassen durfte.

Als ich zu Hause ankam, war ich entschlossen, Harald wegen Mordversuchs und Stalking anzuzeigen. Er sollte für das bezahlen, was er mir angetan hatte. Mir war klar, dass das viele Unannehmlichkeiten für uns bedeuten würde, aber ich musste mich wehren. Christian war nicht gerade begeistert von meinem Entschluss. Er hätte die Sache am liebsten auf sich beruhen lassen, zumal Harald inzwischen in einer Mail den Ausgleich des materiellen Schadens per Überweisung angekündigt hatte. Trotzdem stand er zu mir und begleitete mich am nächsten Morgen aufs Polizeirevier, um die Anzeige aufzugeben.

 

Die Front-Ends von Luxushotels und Polizeirevieren sind nach dem gleichen Prinzip aufgebaut. Sie sollen dem Klienten deutlich machen, dass hier der Zugang zu einer Art Heiligem Gral geregelt wird. Der Empfangstresen im Adlon ist jedoch etwas freundlicher gestaltet, als der Tresen eines Kleinstadtreviers. Diese Nuancen in der Gestaltung sind angemessen. Geht es am Tresen einer Luxusherberge um die Entscheidung, ob man zum Kreis der Auserwählten und Erfolgreichen gehört, wird am Tresen eines Polizeireviers in erster Instanz darüber befunden, ob man zum Kreis der Unbescholtenen gehört oder dem Kreis der Verdächtigen zuzuordnen ist.

Bei unserem Revier handelte es sich bei diesem Tresen um eine schlichte Barriere, die mit vergilbtem Holz verkleidet war, und über eine schmale Tür in der Mitte verfügte. Die Schreibfläche des Tresens war mit schwarzem Resopal ausgelegt und ebenfalls vollkommen schmucklos. Bis auf zwei Ausnahmen: ein Holzdisplay auf der rechten Seite, in dem ein paar dünne Infobroschüren zum Thema Prävention von Einbruchdiebstählen steckten, und einen abgegriffener Kalender, auf dem ein Bleistiftstummel lag. Jenseits der Theke standen zwei Schreibtische, die ihrem Aussehen nach zur Eröffnung der Dienststelle in den 1960er Jahren angeschafft worden waren. Die vier Computermonitore, die so positioniert waren, dass man sie von jenseits der Barriere nicht einsehen konnte, hatten ihre besseren Tage auch bereits seit längerer Zeit hinter sich. Trotzdem funktionierte das Prinzip noch einwandfrei. Die hinter der Barriere hatten die Funktion, die vor der Barriere zu taxieren, die Spreu vom Weizen zu trennen. Früher war dies, wenn man den Filmen, die es über Polizeiarbeit gab, trauen konnte, direkter und unmissverständlicher geschehen. Heute war das Personal darauf geschult, sich unvoreingenommen zu präsentieren und Menschen nicht nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Beim Personal im Adlon war das eindeutig besser gelungen als in unserem Polizeirevier. Ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass die Beamten nicht besonders erfreut über meine Anzeige waren, und sich das anmerken ließen. Vielleicht war es aber auch nur ihre teilnahmslose Sachlichkeit, die mich irritierte, weil ich Anteilnahme für mein Schicksal erwartet hatte.

Als nach etwa einer Viertelstunde eine Kollegin erschien und den Fall übernahm, änderte sich das. Ich fühlte mich besser verstanden. Und auch die männlichen Beamten wirkten irgendwie erleichtert, dass sie den heiklen Fall von der Backe hatten. So etwas sei im Ort noch nie vorgekommen, seit er hier Dienst tue, und das seien immerhin schon an die zwanzig Jahre, bemerkte einer. Es klang fast wie ein Versuch, Verständnis zu zeigen.

Die Kollegin, die sich als Sabine Bauer vorgestellt hatte, tippte meine Aussage umständlich in den Computer. Eine schier endlose Prozedur. Ich konnte Christians Ungeduld spüren, die er mit der Lektüre der Broschüren zur Einbruchsprävention in den Griff zu kriegen versuchte. Endlich war die Niederschrift des Protokolls fertig. Die Beamtin holte den Ausdruck vom Drucker, der in einem Nebenraum stand, und trat zu uns an den Tresen.

»Lesen Sie sich das bitte noch mal genau durch, und dann bitte hier unterschreiben, wenn alles richtig ist.« Sie zeigte mir die Stelle auf dem Protokoll, die für die Unterschrift vorgesehen war. »Kann ich mal die Fotos von den Bremsleitungen sehen, die sie gemacht haben?«

»Klar«, Christian zeigte ihr die Ausdrucke, die wir angefertigt hatten.

Jetzt kam Leben ins Revier. Das wollten sich die Kollegen nicht entgehen lassen. Die Fotos der manipulierten Bremsleitungen gingen von Hand zu Hand. Keiner wollte einen Kommentar abgeben, aber die Mienen zeigten, dass die Bilder beeindruckten.

»Können Sie mir die dalassen?«, fragte Frau Bauer.

»Ja, klar, die können Sie behalten. Ich kann Ihnen die auch noch größer ausdrucken, oder ich kann Ihnen die Dateien schicken«, antwortete ich.

»Danke, das genügt mir erst mal. Das soll dann der Staatsanwalt entscheiden, ob er noch mehr braucht.« Sie legte die Fotos in eine Klarsichthülle.

»Was mach ich jetzt mit dem Auto? Kann ich das reparieren lassen? Oder wollen Sie das begutachten lassen?«, fragte Christian, sichtlich bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, dass er genervt war.

»Auch das soll der Staatsanwalt entscheiden. Warten Sie mit der Reparatur noch ein paar Tage. Ich melde mich die nächsten Tage bei Ihnen, wenn ich weiß, wie die Staatsanwaltschaft vorgehen will.«

»Und was passiert jetzt? Das war doch ein Mordversuch, oder?«, fragte ich.

»Das entscheidet der Staatsanwalt, welche Anklage er erhebt. Das kann auch nur wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr sein. Das ist Sache der Staatsanwaltschaft. Wie die das einschätzen, kann ich Ihnen nicht sagen,« bemerkte die Polizistin lakonisch.

»Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr? Der Typ versucht meinen Mann umzubringen, und das ist gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr? Außerdem hat er eine Pistole, hat er mir mal erzählt. Der Typ ist gefährlich!«, warf ich ein.

Das Wort »Pistole« wirkte, als hätte ich tatsächlich einen Schuss in die Decke des Reviers abgefeuert. Die beiden Polizisten an den Schreibtischen standen fast synchron abrupt auf und starrten mich an. Auch bei Frau Bauer hatte das Wort gezündet. »Warum haben Sie das bei Ihrer Aussage nicht erwähnt?«, meinte sie mit einem leichten Vorwurf in der Stimme. »Das müssen wir unbedingt noch ins Protokoll mit aufnehmen.« Damit setzte sie sich wieder an den Schreibtisch und begann zu tippen.

* * *

Kapitel 7

Die ersten Tage nach der Anzeige verbrachte ich in permanenter Unruhe und Anspannung. Bevor ich aus dem Haus ging, lief ich durch alle Zimmer und sah aus jedem Fenster, um mich zu vergewissern, dass niemand im Garten auf mich lauerte. Wenn ich eine Strasse überqueren musste, sah ich mich nach allen Seiten um und suchte nach verdächtigen Personen oder Autos, die mir gefolgt sein könnten.

Ich war felsenfest davon überzeugt, dass die Staatsanwaltschaft inzwischen tätig geworden war. Wahrscheinlich hatte man Harald zu einer Vernehmung einbestellt oder eine Hausdurchsuchung wegen der Pistole bei ihm durchgeführt. Vielleicht hatte man ihn ja sogar kurzzeitig festgenommen. Deshalb hatte ich Angst, dass Harald darauf mit einer unberechenbaren Aktion reagieren könnte, und wartete sehnsüchtig auf eine Nachricht des Staatsanwalts. Aber nichts geschah. Erst nach über einer Woche rief endlich Frau Bauer vom Polizeirevier bei uns an, nur um uns lapidar mitzuteilen, dass wir die Bremsleitungen reparieren lassen könnten. Dem Staatsanwalt würden die Fotos reichen, die sie mit meiner Aussage an ihn übermittelt habe. Dabei blieb es.

Monate vergingen, ohne dass wir etwas von der Polizei oder von der Staatsanwaltschaft hörten. Einzig Harald meldete sich und bot an, die Summe zur Regulierung des Schadens beträchtlich aufzustocken. Nach Rücksprache mit einem Anwalt ging ich auf sein Angebot ein. Gleichzeitig teilte ich ihm mit, dass ich keinerlei Kontakt mehr zu ihm haben wolle. Er schickte mir noch zwei SMS-Mitteilungen, dass ihm das Ganze leidtue und dass er wisse, dass er allein daran schuld sei. Deshalb sei es nur gerecht, dass er immer daran denken müsse und darunter leide wie ein Hund. Ich schrieb ihm zurück, dass er sich sein widerwärtiges Selbstmitleid sparen solle und, dass ich ab sofort gegen jeden weiteren Kontaktversuch seinerseits mit allen verfügbaren rechtlichen Mitteln vorgehen würde. Darauf hin hörte ich nichts mehr von ihm.

Ein paar Wochen später rief ich bei Frau Bauer im Polizeirevier an und erkundigte mich nach dem Stand des Verfahrens. Sie könne mir nichts zu den laufenden Ermittlungen sagen, meinte sie, ich solle mich an den zuständigen Staatsanwalt wenden. Nach einem Anruf bei diesem, war ich genauso schlau wie vorher. »Wir gehen der Sache nach. Verlassen Sie sich darauf. Ich kann Ihnen weiter keine Details zu dem laufenden Verfahren nennen. Aber Sie hören von uns, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind«, fertigte mich der Staatsanwalt ab. Damit musste ich mich wohl oder übel abfinden, was mir mit zunehmendem Abstand zu den Geschehnissen auch einigermaßen gelang.

Die Zeit lässt alles verblassen. Man vergisst. Über Schmerz und Demütigung legt sich ein Schleier, der einen wie eine Isolierschicht vor dem darunter nach wie vor fließenden gefährlichen Strom schützt und verhindert, dass man zerbricht. Wir nahmen unser normales Leben wieder auf, versuchten, in der Gemeinde Fuß zu fassen und trieben die Renovierungsarbeiten an unserem Haus voran. Die Euphorie, mit der wir unsere gemeinsame Zukunft begonnen hatten, war dahin. In einer Art »Pflicht auszuharren« richteten uns weiter in der neuen Umgebung ein, weil wir uns nicht eingestehen wollten, dass wir die Freude daran verloren hatten. Seit dem Anschlag lag auch über unserer Beziehung ein Schatten. Vor allem ich war durch die Ereignisse schwer getroffen und fühlte mich, wie aus meinem eigenen Leben vertrieben. Ohne es auszusprechen, hatte ich mehr und mehr das Gefühl, dass unsere Zukunft am Ammersee nur noch von begrenzter Dauer sein würde. Die märchenhafte Leichtigkeit unseres Anfangs würde nie mehr zurückkommen, dessen war ich mir sicher. Ich tat alles, um Christian nichts von meiner düsteren Stimmung merken zu lassen, aber es gelang mir nicht. Ich musste zusehen, wie sein heiteres Lachen von Tag zu Tag mehr von seinem Glanz verlor.

Die Arbeiten am Haus waren so gut wie abgeschlossen, und wir waren dabei, unseren endgültigen Umzug zu planen, als wir die Ladung zum Prozess gegen Harald zugestellt bekamen. Sofort kehrten innere Unruhe und Anspannung zurück. Sie hatten an Intensität nichts eingebüßt, obwohl inzwischen mehr als fünf Monate vergangen waren. Ich spürte, wie mein Herz zu rasen anfing, während ich den Text der Ladung durchlas. Die Angst vor Harald hatte mich wieder gepackt. Wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange sah ich wie gelähmt der unausweichlichen Konfrontation mit ihm entgegen.

Seit meiner letzten SMS hatte Harald keinen Kontaktversuch mehr unternommen. Die abschließende Zahlung zur Wiedergutmachung des Schadens war nur wenige Tage später auf meinem Konto eingetroffen. Das Kalkül, das dahintersteckte, war mir klar. Durch den Versuch der Wiedergutmachung und die gezeigte Reue wollte Harald vor Gericht punkten und die Richter milde stimmen. Aber inzwischen war ich überzeugt, dass Harald zu einer Empfindung wie Reue gar nicht fähig war. Ich hatte lange und intensiv über ihn und unsere gemeinsame Zeit nachgedacht. Dabei hatte ich begriffen, wie er tickte. Nach außen war er zurückhaltend und schüchtern, aber hinter dieser Maske steckte ein Psychopath. Wie gefährlich dieser Psychopath war, konnte ich immer noch nicht einschätzen. Aber dass er fähig war, Menschen zu verletzten oder gar zu töten, hatte er durch den Anschlag auf Christian eindeutig bewiesen.

Je näher der Prozess rückte, desto unruhiger wurde ich. Wenn ich draußen unterwegs war, sah ich mich alle paar Minuten um. Beim Autofahren hatte ich immer ein Auge im Rückspiegel. Wenn ich allein nach Hause zurückkam, fühlte ich mich erst sicher, wenn ich alle Zimmer durchsucht hatte. Zu groß war die Angst, dass Harald durch irgendeine Teufelei versuchen könnte, unsere Aussage beim Prozess zu verhindern. Wie ein eitriges Geschwür brach die Vergangenheit wieder auf. Meine Gedanken kreisten ohne Unterlass um den Anschlag und die Zerstörung unseres Glücks. Ich durchlebte noch einmal all die Verzweiflung, die für mich damit verbunden war.

Am Vorabend des Prozesses erreichte diese Verzweiflung ihren Höhepunkt. Ich bereute, dass ich die Anzeige erstattet hatte, und wäre am liebsten davongelaufen, so unerträglich erschien mir die Aussicht auf das in wenigen Stunden bevorstehende Wiedersehen mit Harald im Gerichtssaal. Ich wusste nicht, wie ich diesen Tag überstehen sollte.

Aber es kam noch schlimmer. Der Prozess übertraf alles, was ich mir in meinen schlimmsten Träumen ausgemalt hatte. Haralds Verteidiger hatte sich eine Strategie zurechtgelegt, die mich als die Schuldige des Ganzen hinstellen sollte. Er argumentierte, dass ich Haralds Verliebtheit, anders als von mir in meiner Aussage zu Protokoll gegeben, sehr wohl bemerkt hätte. Im Gegenteil, ich hätte diese Verliebtheit sogar ausgenutzt und seinem Mandanten ganz bewusst Hoffnungen gemacht, um mir dadurch Vorteile zu »erschleichen«, wie er sich ausdrückte. Unter dem Vorwand, dass ich Geld für eine dringende zahnärztliche Behandlung bräuchte, hätte ich mir 20.000 Euro von seinem Mandanten geliehen, die ich dann jedoch für einen Autokauf verwendet hätte. Dass ich Harald das geliehene Geld schon längst wieder zurückgegeben hatte, verschwieg der Anwalt bei seinen Ausführungen zunächst. Er räumte dies erst auf meinen Protest und auf Nachfrage des Richters hin ein. Sein Mandant habe mich als eine in ihren Handlungen und Reaktionen sehr unberechenbare Person erlebt, insistierte er. Dies habe ihn immer wieder in emotionale Ausnahmezustände versetzt. Und auch der »Übergriff« auf Christans Auto, wie er es nannte, sei in einem solchen Ausnahmezustand erfolgt. Denn nur wenige Stunden zuvor habe sein Mandant feststellen müssen, dass er die ganze Zeit getäuscht worden war. Als er mich an dem Abend der Tat zusammen mit Christian gesehen habe, sei ihm klar geworden, dass ich einen festen Freund habe und, dass ich ihm in all den Monaten etwas vorgemacht hatte. Die Enttäuschung über diesen Vertrauensbruch habe seinen Mandanten in eine emotionale Krise gestürzt. Aus dieser emotionalen Extremsituation heraus sei der Übergriff auf Christians Auto zu sehen. Dass es Harald mangels zielgerichteter Planung nicht gelungen sei, die Bremsleitungen zu kappen, sei als Indiz für eine Handlung im Affekt zu werten. Seinem Mandanten sei auch zugutezuhalten, dass er danach die Reifen des Fahrzeugs zerstochen habe. Er habe dadurch verhindern wollen, dass jemand das Fahrzeug benutzt und dabei zu Schaden kommt.

Als ich diese Argumentation des Anwalts hörte, war ich vollkommen fassungslos. Wie konnte jemand ungestraft und unwidersprochen die Wahrheit in diesem Ausmaß verdrehen? Ich hatte Harald mehrmals und unmissverständlich gesagt, dass er für mich als Mann nicht infrage käme. Und mein Verhältnis zu Christian war einzig und allein meine Sache und ging ihn rein gar nichts an. »Das ist eine Lüge, eine ungeheuere Lüge«, rief ich empört dazwischen. Woraufhin mir der Richter eine Ermahnung erteilte. Hilflos musste ich weiter mit anhören, wie die Wahrheit skrupellos in ihr Gegenteil verkehrt wurde.

Endlich war ich mit meiner Aussage an der Reihe und versuchte, vehement die Unterstellungen von Haralds Verteidiger zurückzuweisen. An der Reaktion des Gerichts spürte ich, dass die emotionale Betroffenheit, die ich dabei zeigte, nicht unbedingt zu meinen Gunsten interpretiert wurde. Dies änderte sich jedoch, als Christian in den Zeugenstand trat. Durch seine Darstellung der Geschehnisse und durch die überzeugende Schilderung seiner Eindrücke wurde in meinen Augen jedem im Saal klar, dass die Verteidigungsstrategie Haralds sich nur auf aus der Luft gegriffene Behauptungen stützte.

Als wir als Zeugen entlassen waren und das Gerichtsgebäude verließen, war ich froh, es hinter mir zu haben. Ich war stolz darauf, dass ich mich gegen Haralds gewaltsamen Eingriff in mein Leben gewehrt hatte. Bis zuletzt hatte er versucht, mich zusammen mit seinem Anwalt zum Opfer zu machen. Aber es war ihm nicht gelungen. Ich hatte für mein Recht gekämpft und gewonnen. In der Überzeugung, dass Harald eine angemessene Strafe bekommen würde, verbrachte ich mit Christian den ersten glücklichen Abend seit Monaten.

Am nächsten Morgen telefonierte ich mit meinem Anwalt, um mich nach dem Ausgang des Verfahrens und nach dem Strafmaß für Harald zu erkundigen. Was ich hörte, machte mich sprachlos. Harald war wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Das heißt, er konnte den Gerichtssaal als freier Mann verlassen. Unfassbar! Harald hatte versucht, meinen Mann umzubringen und musste dafür nicht einen einzigen Tag ins Gefängnis. Und für uns bedeutete das, dass wir jederzeit mit weiteren Übergriffen und Anschlägen rechnen mussten. Harald hatte unser Leben zerstört und das Gericht hatte ihm quasi einen Freibrief ausgestellt, uns weiter zu terrorisieren. Ich brauchte Tage, um darüber hinwegzukommen. Gerechtigkeit? Das war keine Gerechtigkeit, das war Hohn. Dieses Urteil war in meinen Augen ein einziger Hohn.

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