Leseprobe SPINES

Christian Schneider stand an der riesigen Fensterfront seines Arbeitszimmers im obersten Stock des Innenministeriums und blickte über die Dächer Berlins. Es war 6:25 Uhr. Die Silhouette der Stadt schälte sich langsam aus dem Morgenlicht.

Welches Schicksal würde dieses Berlin wohl haben, in den bevorstehenden Jahrzehnten? Die Vergangenheit war nicht gerade zimperlich mit der Stadt umgesprungen. Die Narben, die davon zeugten, konnte Christian Schneider auch jetzt noch, zwei Jahrzehnte nach Vollendung der Einheit, deutlich ausmachen.

Wenn er den Blick über Spreebogen, Regierungsviertel und Brandenburger Tor hinaus über Berlin Mitte schweifen ließ, konnte er den Verlauf der Mauer und des Todesstreifens immer noch nachvollziehen. Die großen Brachflächen, die die Bomben der Alliierten in die Berliner Stadtmitte gerissen hatten, waren noch in weiten Teilen unbebaut oder ätzten sich durch ihre hässliche Architektur schmerzhaft ins Blickfeld. Und dazu gehörten leider auch die Neubauten im »Nirwana« des Regierungsviertels. Wenn er ehrlich war, fand er sie zum Kotzen. Sein Ministerium am Spreebogen, das an ein Doppelschiff erinnerte, war im Vergleich dazu ein elegantes Gebäude, eingebettet in ein gewachsenes Stadtviertel. Um ihn herum gab es in einem aufwendig renovierten Innenhof alles, was er brauchte. Er schätzte die Restaurants in dem lang gestreckten Hallengebäude neben dem Ministerium, den Italiener Scusi oder die Alte Meierei mit ihrem hellen Gewölbe. Und auch jenseits des Innenhofs gab es normales Leben.

Seit er Innenminister war, hatte er sich der strengen Amtsdisziplin immer wieder mal entzogen und war alleine draußen Spazieren gegangen, durch den Park gegenüber oder die Alte Moabiter entlang, vorbei an der Vollzugsanstalt ins Regierungsviertel hinüber. Dabei hatte er gern in einem der vielen Cafés Zwischenstation gemacht, um einen Cappuccino zu trinken. Aber seit er vor fünf Wochen nach einem Besuch in seinem Lieblingsrestaurant bedroht worden war, hatte er den Innenhof des Ministeriums nur noch in der gepanzerten Limousine verlassen. Zu groß war seine Angst, dass jemand im Dunkeln draußen auf ihn lauern könnte.

Als in den Medien kontrovers diskutierter Politiker bekam er täglich jede Menge Briefe und E-Mails. Und gelegentlich enthielten diese Briefe auch Drohungen und Beschimpfungen. Die meisten davon konnte man glücklicherweise gleich beim ersten Lesen als harmlos einstufen.

Ganz anders verhielt es sich aber mit einer Reihe von Briefen, die er seit Monaten mit absoluter Regelmäßigkeit erhielt. Sei waren alle von der gleichen Machart und eindeutig vom selben Absender. Und sie waren gefährlich, das spürte er sofort.

Der Schreiber behauptete, ihn von früher zu kennen. Ende der 70er hätten sie zusammen öfter Schach gespielt. Und die Details, die er in diesem Zusammenhang andeutete, stimmten alle. Er musste zumindest einmal im Café Voltaire gewesen sein. Dort hatte Schneider jeden Samstag und Sonntag die späten Vormittage mit Frühstücken und Schachspielen verbracht. Aber Schneider konnte sich, so sehr er auch nachdachte, an niemanden erinnern, der zu den Briefen gepasst hätte.

Wenige Tage, nachdem er den dritten Drohbrief erhalten hatte, stand der Schreiber plötzlich vor ihm. Er hatte gerade das Restaurant verlassen, in dem er zu Abend gegessen hatte, und war auf dem Weg zu seinem Wagen, als ihm ein Mann auffiel, der ihm auf der anderen Straßenseite mit kurzen schnellen Schritten folgte. Der Gehstil des Mannes war ihm sofort aufgefallen, manchmal betont langsam Schritt für Schritt und dann wieder eine hektische, fast gerannte Passage dazwischen geschaltet. Hypernervös und irritierend.

Plötzlich war der Mann verschwunden. Und genauso plötzlich, wie er verschwunden war, tauchte er unmittelbar neben ihm wieder auf, als er seinen Wagen erreicht hatte und die Autotür öffnete. Er spürte den Atem des Mannes auf seiner Wange, so nah stand er neben ihm. Und jetzt strahlte er nicht mehr die geringste Hektik aus, sondern wirkte vollkommen ruhig, ohne jeden Hauch von Nervosität.

Christian Schneider bekam Angst. Jetzt bereute er, dass er seine Personenschützer für den Abend nach Hause geschickt hatte.

»Bist dir wohl zu gut, um mir zu antworten?«, hatte ihn der Mann gefragt und, ohne eine Antwort abzuwarten, weiter gesprochen. »Hast wohl alles vergessen, was wir zusammen erlebt haben? Und was ich für dich getan habe? Kann es sein, kann es wirklich sein, dass dir das jetzt alles egal ist? Hältst du das alles jetzt für Scheiße, nur weil du jede Menge Kohle kriegst und so eine schicke Karre hier fahren kannst? Ist dir das mehr wert als alles, woran wir geglaubt haben? Ist dir das wirklich mehr wert?«

Schneider hatte das Gesicht des Mannes im Halbdunkel angestarrt und versucht, seinen Gegner einzuschätzen. Er wirkte gut zehn bis fünfzehn Jahre jünger als er selbst. Unwahrscheinlich, dass sie zusammen einen Teil ihrer Jugend verbracht hatten. Und außerdem konnte er auch mit größter Anstrengung keinen bekannten Zug in diesem Gesicht neben sich erkennen.

»Ich weiß nicht, wer Sie sind, ich kenne Sie nicht? Ich wüsste nicht, wo wir uns schon mal gesehen haben«, hatte er brüsk geantwortet, wobei er sich Mühe gegeben hatte, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen.

»Erinnerst du dich nicht, wir haben zusammen Schach gespielt, im Café Voltaire, immer sonntags, beim Frühstück?! Ich hab meinen Arsch für dich hingehalten, bei den Bullen, und du willst mich nicht mehr kennen, reagierst nicht auf meine Briefe?«

»Es tut mir leid, aber ich kenne Sie wirklich nicht!«, hatte er, inzwischen etwas genervt, in seiner schnoddrigen herrischen Art geantwortet. In der Hoffnung, dass dieser Ton den Wind aus den Segeln dieses Irren nehmen würde.

»Klar, das passt! Natürlich kennst du mich nicht mehr, natürlich willst du nichts mehr von früher wissen. Es ist immer schlecht, die Wahrheit zu hören, wenn man so ein Heuchler ist wie du. Ich dacht’ mir, das gibt’s nicht, ich fass es nicht, das kann nicht sein, Innenminister, der, der immer gegen Polizei und Staatsmacht war, buchtet jetzt ein und lässt Leute wie mich bespitzeln!? Das kann nicht sein, das kann einfach nicht sein. Aber es ist so.« Der Mann kam mit seinem Gesicht noch näher an Schneiders Wange, sodass seine Lippen fast sein Ohr berührten und sagte ganz leise und entspannt: »Ich sag dir was. Du denkst, dass du damit durchkommst, du denkst… Aber ich sag dir, es ist nicht so. Ich kenn jetzt dein Gesicht. Und ich schau in dich hinein, schau durch deine Haut wie durch Glas.« Er machte eine lange Pause und fuhr dann mit erhobener Stimme fort: »Wenn ihr diese Leute kennt, dann nehmt euch in Acht vor ihnen, sie sind die Zerstörer von all dem, was klar ist und ohne Lüge. Und habt keine Angst, sie daran zu hindern.« Mit diesem Satz, der wie ein Zitat klang, war der Unbekannte einen Schritt zurück getreten und hatte die Autotür wieder frei gegeben. »Wir sehen uns, bis bald!«

Auf der Nachhausefahrt über die Stadtautobahn hatte Christian Schneider sich den Kopf zermartert, wo er dieses Gesicht schon einmal gesehen haben könnte. Aber »no match«, er hatte dieses Gesicht definitiv noch nicht gesehen. Aber woher wusste der Mann dann so gut Bescheid über seine Gewohnheiten in der Berliner Studentenzeit? Er war über Details informiert, die nur jemand wissen konnte, der ihn in dieser Zeit wirklich gekannt hatte. Und das gab ihm zu denken. Denn wenn es dem BKA oder dem Verfassungsschutz gelang, den Absender der Briefe zu finden, konnte dies jede Menge Ärger bedeuten. Oder vielleicht hatte man den Typen auf ihn angesetzt, um ihn abzusägen? Vielleicht steckte hinter dem Ganzen ja Joachim Becker, der Leiter des Verfassungsschutzes? Becker hasste ihn. Als Erzkonservativer hielt er es für einen Skandal, dass jemand wie er, der als junger Mann in der linken Szene aktiv gewesen war, Innenminister hatte werden können. Und Becker würde vor nichts zurückschrecken, um ihn aus dem Amt zu intrigieren, auch nicht vor so einer erbärmlichen Inszenierung. Er musste in den nächsten Wochen auf alle Fälle verdammt aufpassen, was er sagte und tat. Das war mit Sicherheit vermintes Gelände. Am besten würde es sein, wenn er nichts mehr darüber weitergab. Und auch die Briefe würde er ab sofort nicht mehr ans BKA weiterleiten.

Inzwischen war es hell geworden über der Stadt. Keine zwei Stunden mehr bis zum Beginn des hektischen Tagesgeschäfts. Nur zu gern hätte er die Zeit angehalten, um diesen Moment hinauszuzögern. Er war nicht mehr der zupackende Politiker von früher. Wenn er ehrlich zu sich war, musste er eingestehen, dass er in einem Winkel seiner Seele angefangen hatte zu zweifeln. Deshalb ließ er sich seit einigen Monaten jeden Morgen schon zwischen fünf und sechs von der Fahrbereitschaft ins Ministerium bringen. Er brauchte diese Zeit, um sich ungestört auf den Tag vorzubereiten, um die Kraft zu finden.

Draußen zeigte sich jetzt das raue Gesicht Berlins. Es war eine Stadt ohne viel Make-up, aber mit einem ganz eigenen Charme…

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