Herr Wolpryla wird nicht mehr hergestellt…

Ich sitze da und genieße meinen Capuccino wie schon lange nicht mehr. Ich weiß, er ist nicht gerade billig hier, in dem Straßencafé, das ich mir ausgesucht habe. Ich werde wohl inklusive Trinkgeld ungefähr 4 Euro liegen lassen.

Mein Indie-Thriller SPINES geht dagegen für einen durchschnittlichen deutschen Cappuccino-Preis über die Theke. Und das ist gut so. Ich liebe die Entwicklungen, die sich rund um eBooks abzeichnen, ich liebe es, dass ich als Autor es in der Hand habe – und dass die Perspektiven für den eBook-Markt ziemlich gut aussehen.

Sicher, es gibt noch viele Leser, die eBook-Reader rundweg ablehnen und auch in Zukunft das Papier beim Umblättern der Seiten in der Hand fühlen wollen. Ich selbst habe mich vor noch nicht allzu langer Zeit dazugerechnet. Aber die Verbindung zwischen Geschichten und Papier ist keine siamesische. Im Gegenteil, Geschichten waren, seid es sie gibt, eher im flüchtigen Aggregatzustand zu Hause. Sie wurden erzählt und weitererzählt – an irgendeinem Lagerfeuer, oder auf einem Marktplatz wie dem Jemma el Fna in Marrakesch. Für ein paar Münzen konnte man das Recht erwerben, sich in den Kreis der Zuhörer einzureihen.

Mit dem Buchdruck und den daraus sich ergebenden Vertriebsmöglichkeiten erhöhte sich die Verbreitungsgeschwindigkeit für Geschichten beträchtlich. Zugleich verloren die Geschichten jedoch einen Teil ihrer Freiheit. Durch eBooks wird den Geschichten diese Freiheit wieder zurückgegeben. Durch die Möglichkeiten des digitalen Direct-Publishing erreichen viele Geschichten, die es im normalen Verlagsgeschäft niemals über den Ladentisch geschafft hätten, wieder ein Publikum. Einige davon mögen nicht besonders gut sein, einige davon sind jedoch außergewöhnlich und teilweise sogar brillant. Die Entscheidung über die Qualität kann man dabei durchaus jedem einzelnen Leser überlassen.

Einige meiner Freunde und Bekannten versuchen meine eBook-Begeisterung gelegentlich durch den Einwand, die elektronische Speicherung berge ein Risiko des Verlusts unserer gesamten Kultur, einzubremsen. Aber für mich ist die Flüchtigkeit der elektronischen Speicherung – wenn es denn wirklich so sein sollte – kein Nachteil. Ich habe eher das Gefühl, diese Form der Aufbewahrung von Geschichten in der “Cloud”, entspricht dem Wesen des Geschichtenerzählens mehr, als die Speicherung nach der Methode Gutenberg.

Poetisch übertrieben ausgedrückt, nähern sich die Geschichten dadurch dem Fluss der Worte des Geschichtenerzählers an, dessen Stimme mit dem Sonnenuntergang leiser wird, mit dem Fortschreiten der Nacht zu einem nur noch für wenige hörbaren Murmeln verebbt und sich mit dem Morgen wieder erhebt, um den Tag zu begrüßen. Und all das zu einem Preis, zu dem auch auf dem Jemma el Fna in Marrakesch schon immer eine Geschichte zu haben war.

Papier und Geschichten haben nicht viel miteinander zu tun. Genauso wenig, wie die Dinge und Leistungen, die wir gegen Geld erwerben, mit dem Papier zu tun haben auf dem der Geldwert gedruckt ist. Und ich habe es auch noch nie genossen, Geldscheine in der Hand zu halten. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich manchmal sogar eher ein Gefühl der Abneigung dabei.

Die Gedanken sind frei, sollten es zumindest sein, Geschichten sind frei. Und die elektronische Verteilungsform ist dieser Freiheit viel mehr angemessen, als es das Papier war, die Schwere des Papiers. Geld ist Papier, Bücher sind Papier. Aber wie lange noch?

Herr Wolpryla wurde hier einmal hergestellt. Aber das ist vorbei. Heute kennt man ihn noch unter dem Namen Polyacrylnitril. Und die Fabriken, in denen er gefertigt wird, sind moderner geworden. Es wird jedoch sicher eine Zukunft geben, in der Herr Wolpryla seinen Herstellungszyklus beendet hat. Und so ähnlich wie Herrn Wolpryla, dessen Namen kaum noch jemand kennt, wird es sicher irgendwann auch mal den guten alten Büchern ergehen. Und ich finde, es ist nicht wirklich schade um das Papier. Johannes Gutenberg war nur eine Durchgangsphase des Geschichtenerzählens. Eine Etappe auf dem Verbreitungsweg. Wir hängen nur so daran, weil wir dazu tendieren, das Alte, das Bewährte, für das Gute zu halten. Ein sehr erfolgreiches Warenhaus lebt ziemlich gut von dieser Nostalgie. “Es gibt sie noch, die guten alten Dinge…”, heißt der entsprechende Slogan.

Aber Geschichten sind nicht dafür bestimmt, in Regalen und Bücherwänden zu stehen und einzustauben. Schon eher sind sie dafür gemacht, in der “Cloud” frei den Raum zu erfüllen und den Erdball zu umkreisen. Und so, wie ich mir immer wieder einen neuen Cappuccino bestellen kann, zumindest solange es so etwas wie Cafés und Restaurants gibt, so kann ich mir auch immer wieder eine Geschichte aus der “Cloud” fischen und auf meinem eBook Reader oder Tablet genießen.

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